Karin Baumann: Strange Looks – Unter fremden Blicken

Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt Elena in ihr abgelegenes Heimatdorf an der Küste zurück – doch die Idylle trügt. Sofort gerät sie ins Visier der Bewohner: Anonyme Drohungen und Vandalismus machen deutlich, dass sie hier nicht willkommen ist.

Nur Jonas, der junge Pfarrer des Ortes, stellt sich schützend vor sie. Doch seine Nähe entfacht alte Feindschaften und reißt Wunden auf, die Jahrzehnte brauchten, um zu verharren. Als die Intrigen eskalieren, bleibt Elena und Jonas nur die Flucht.

In der fernen Großstadt wagen sie den Neuanfang, doch der Preis für die Freiheit ist hoch. Es ist ein endgültiger Bruch mit der Vergangenheit und der Beginn einer gefährlichen Suche nach sich selbst.

Eine dramatische Geschichte, über Liebe gegen Widerstand, alte Schuld und den Mut, dorthin zu gehen, wo man wirklich hingehört.


Blick ins Buch


Der Zug bremste quietschend, als würde er sich selbst sträuben, in diesem kleinen Küstenort zum Stehen zu kommen. Elena Voss stand bereits an der Tür, den Rucksack über einer Schulter, den Blick auf das flache Land gerichtet, das sich hinter dem Bahnsteig ausbreitete. Dünengras, das im Wind wogte. Ein Himmel, der so weit war, dass man sich darin verlieren konnte. Und irgendwo dahinter das Meer, unsichtbar, aber unüberhörbar war sein Rauschen.
Das Dorf lag friedlich vor ihr. Die Häuser wirkten wie zusammengerückt, als wollten sie sich gegenseitig wärmen. Ein paar Möwen kreischten über den Dächern, und irgendwo klapperte eine lose Fensterlade im Wind. Elena zog den Mantel enger an sich und atmete ein paar Mal die frische Seeluft tief ein. Nur ein paar Wochen, sagte sie sich. Das alte Haus ausräumen, verkaufen und dann wieder zurück nach Berlin fahren.

Sie ging die Hauptstraße entlang. Die Bäckerei war noch da, mit den blauen Fensterläden, ihr schien die Zeit nichts anhaben zu können. Der kleine Supermarkt und die Kirche waren unverändert der Mittelpunkt des Ortes. Die Kirche war weiß, schlicht, mit einem Turm, der sich gegen den fast immer grauen Himmel abzeichnete.
Vor der Kirche stand ein Mann und sprach mit einer älteren Frau. Er lachte über etwas, das sie sagte, und Elena blieb unwillkürlich stehen. Sie ging davon aus, dass es der Pfarrer der Gemeinde war und er war nicht das, was sie erwartet hatte.
Kein strenger Geistlicher, kein ernster Mann in Schwarz.
Er trug Jeans, einen dunklen Mantel und hatte Haare, die der Wind ständig durcheinanderbrachte. Seine Haltung war ruhig und aufmerksam. Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte er sich um. Ihre Augen trafen sich. Ein kurzer Moment. Ein Moment, der länger dauerte, als er sollte. Elena wandte sich ab und ging weiter. Sie wollte hier nicht auffallen und sie wollte hier auch nicht bleiben. Kontakte zu knüpfen, das stand nicht auf ihrem Programm. Sie musste nur den Nachlass ihrer Mutter ordnen.
Das Haus lag am Rand des Dorfes, halb versteckt hinter einem verwilderten Garten. Elena öffnete das Tor, es quietschte noch genauso schrill wie früher. Ein wenig Öl würde dem Scharnier sicher guttun. Drinnen müffelte es nach Staub, nach Holz und nach ihrer Mutter. Sie blieb stehen. Die vertraute Kulisse der Gerüche traf sie unerwartet hart. Ihr Blick streifte durch den Raum und blieb an einem Umschlag, der auf dem Küchentisch lag, haften. Es war die Handschrift ihrer Mutter und es war ihr Name, der auf diesem Umschlag stand.
Elena setzte sich und öffnete ihn mit zitternden Fingern.

Meine Elena,
wenn du das liest, bin ich nicht mehr da. Ich weiß, du wirst nicht bleiben wollen.
Aber vielleicht solltest du es. Nur ein wenig. Nur lange genug, um zu verstehen, wo deine Wurzeln sind. Vielleicht erkennst du, was mir dieser Ort bedeutet. Und vielleicht findest du etwas, was du schon so lange suchst.

Elena legte den Brief auf die Kommode ab. Ihr Herz schlug schneller. Was sollte das heißen? Sie kannte ihre Wurzeln nur zu gut. Nicht ohne Grund war sie in die Großstadt geflohen. Weit weg vom Dorfleben. Oder hatte ihre Mutter ihr etwas verschwiegen? Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, klopfte es an der Tür.
Sie öffnete und sah den Mann von der Kirche vor sich.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Sie müssen Elena Voss sein“, sagte er. Seine Stimme klang warm und ein wenig zu sanft für diesen grauen Tag.
„Willkommen zurück im Dorf.“
„Meine Ankunft hat sich ja schnell herumgesprochen“, murmelte sie.
„Manchmal wird hier viel geredet“, bestätigte Jonas. Er trat einen Schritt näher, blieb aber respektvoll auf Abstand. „Ich bin Jonas Reimer. Der neue Pastor.“
„Ich weiß.“ Sie wusste es nicht wirklich, aber sie hatte es ja geahnt, als sie ihn vor der Kirche gesehen hatte. Es gab Menschen, die eine Gelassenheit ausstrahlten, eine Art Insel der Ruhe, und dieser Mann gehörte definitiv dazu.
„Ich wollte mich nicht aufdrängen“, sagte er. „Nur fragen, ob Sie etwas brauchen. Diesen Hof wieder instand zusetzen, das ist viel Arbeit.“
Elena blickte wortlos über seine Schulter hinweg auf die Dünen, die sich wie eine schützende Mauer hinter dem Haus erhoben.
„Ich komme schon zurecht.“
„Natürlich.“ Er nickte, doch sein Blick blieb an ihr hängen, als würde er etwas sagen wollen. Dann fiel sein Blick auf den Schlüssel in ihrer Hand.
„Der klemmt bestimmt immer noch“, sagte er leise.
Elena schaute ihn überrascht an.
„Früher?“
„Ich habe Ihre Mutter ab und zu besucht. Sie war eine gute Gesprächspartnerin.“
Bevor sie etwas erwidern konnte, rief jemand vom Weg her: „Pastor Reimer! Wir brauchen Sie kurz!“
Eine Frau winkte hektisch, offenbar ein Gemeindemitglied. Jonas nickte ihr zu, dann wandte er sich wieder Elena zu.
„Ich bin in der Nähe, falls Sie etwas brauchen.“
„Danke“, antwortete Elena, obwohl sie nicht wusste, ob sie es auch so meinte.

Jonas drehte sich um und ging den Kiesweg hinunter. Der Wind spielte mit seinem Haar, und für einen Moment wirkte er wie jemand, der gegen etwas Unsichtbares ankämpfte. Als er außer Sicht war, schloss Elena die Tür und lehnte sich dagegen. Ihr Herz schlug schneller, als es sollte.
Sie wusste nicht, ob es an Jonas lag. Ein leises Seufzen drang über ihre Lippen. Es gab tatsächlich einiges zu tun und von allein würde sich die anstehende Arbeit nicht erledigen. Bis zum Abend wollte sie zumindest etwas Ordnung in das Chaos bringen. Doch ob sie es wollte oder nicht, ihre Gedanken gingen immer wieder zu dem jungen Pfarrer. Irgendetwas in ihr hatte er berührt. Elena schüttelte unmerklich den Kopf und stürzte sich in ihre Arbeit.
Abends fiel sie todmüde ins Bett. Die Anstrengung der letzten Zeit und der heutige Tag, wahrscheinlich auch die Seeluft, ließen sie augenblicklich einschlafen.

Jonas Reimer war seit drei Jahren Pfarrer in dem kleinen Küstendorf, und manchmal fragte er sich, ob er den Ort gewählt hatte oder der Ort ihn. Er war nicht hier geboren, nicht hier aufgewachsen, und doch hatte er sich vom ersten Tag an gefühlt, als würde er hierhergehören.

Er stand am Fenster seines kleinen Pfarrhauses und sah hinaus auf die graue Weite. Jonas liebte diesen Blick und die Ruhe. Der Morgen war kühl, der Himmel wolkenverhangen, und die Möwen kreisten über den Dächern wie die unruhigen Gedanken in seinem Kopf. Jonas hielt eine Tasse Kaffee in der Hand, doch er trank nicht. Er dachte nach. Die Begegnung mit dieser Frau, die so plötzlich in dem Dorf aufgetaucht war, ging ihm nicht aus dem Kopf.
Es war ihr Blick, der ihn getroffen hatte, wie ein unerwarteter Lichtstrahl.

Elena Voss.

Er kannte ihren Namen nur, weil Frau Martens diesen dem Pfarrer zugeraunt hatte, als wäre es ein Geheimnis. Aber Frau Martens machte aus allem ein Geheimnis oder einen Skandal. Das lag in ihrer Natur. „Die Tochter von Anna Voss“, hatte sie gesagt.
Und Jonas hatte genickt. Er kannte Anna nicht nur von Fotos im Kirchenarchiv.
Sie war eine Frau mit warmen Augen und einem Lächeln, das manchmal etwas Trauriges hatte. Einige Male hatten sie sich unterhalten. Es waren keine tiefgründigen Gespräche und doch hatte Jonas Gefallen an ihrer Unterhaltung gefunden. Sie war unkompliziert und eine gute Zuhörerin.

Jonas setzte die Tasse ab und ging in sein kleines Arbeitszimmer. Die Regale waren voll mit Büchern, die meisten alt, manche neu, doch alle hatten Eselsohren. Er war kein Pfarrer geworden, weil er besonders fromm war. Er war Pfarrer geworden, weil er Menschen mochte. Weil er zuhören konnte und weil er wusste, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, wohin man gehört. Sein eigenes Leben war nicht unbedingt geradlinig gewesen.
Er hatte studiert, abgebrochen, neu begonnen. Er hatte geliebt, verloren, wieder gesucht.
Und irgendwann war er hier gelandet, in diesem Dorf, das am Anfang Schwierigkeiten hatte, ihn anzunehmen. Zu jung für diese Aufgabe, nicht verheiratet, keine Familie. Die Gemeinde hatte sich einen anderen Pfarrer gewünscht, doch inzwischen akzeptierte man ihn. Mehr oder weniger.

Er nahm ein Foto vom Schreibtisch. Ein Mann und eine Frau, seine Eltern, lachend am Strand. Das Bild war alt, verblasst. Seine Mutter war früh gestorben. Sein Vater nur wenig später, nach einer langen Krankheit. Vielleicht war das der Grund, warum er sich so sehr an den Ort gebunden fühlte. Seine Eltern hatten das Meer geliebt, zumindest in seiner vagen Erinnerung.
Hier brauchten ihn die Menschen und er war nicht allein. Er legte das Foto zurück und atmete tief aus. Dann klopfte es an der Tür.

Das Buch ist als eBook und Taschenbuch im Buchhandel erhältlich.


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