Anfang der 1930er-Jahre.
Der Erste Weltkrieg tobt weiter in Europa.
Eine kleine Inselgruppe im Nordatlantik hat sich inmitten der Kriegswirren vom unbesiegten Kaiserreich Preußen-Polen gelöst.
Doch die neu gewonnene Freiheit ist trügerisch. Wie Dávid, Zeichner beim führenden Industriekonsortium, feststellen muss, geht die neu gebildete Regierung unbarmherzig gegen Arbeiterunruhen vor und erweist sich als ebenso gnadenlos wie die ehemaligen Besatzer.
Wird er den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufnehmen?
Und welchen Preis muss sein Schwager, der einst als Kriegsflüchtling auf die Inseln gekommen ist, für den Frieden zahlen?
Eine Dieselpunk-Alternativweltgeschichte.
Markus Hansson
Rauch über den Schafsinseln
Blick ins Buch
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Autor
Markus Hansson ist ein Schweizer Autor mit regem Interesse für Skandinavien, insbesondere für die Färöer und Island.
Die rauen und teilweise kargen Gegebenheiten, inspirierten ihn, seine Alternativweltgeschichte in genau dieser faszinierenden Landschaft anzusiedeln.
Prolog
Es geschah im Juli am Sankt-Olavs-Tag im Jahre 1930 zu Tórshavn. Hier oben auf den Färöern war das der Tag der Parlamentseröffnung. Das Schicksal des gesamten Landes veränderte sich auf einen Schlag.
Dabei war das erste Ereignis eigentlich harmlos.
Dávid hatte es gespürt. Er hatte nicht gewusst, was geschehen würde, aber die Spannung war schon den ganzen Tag allgegenwärtig. Nichts, was wirklich offen zutage getreten wäre, aber die Leute waren noch wortkarger als sonst und an den Straßenecken sammelten sich kleinere Gruppen.
Er hinkte durch die Straßen, der Festversammlung entgegen. Wenigstens schmerzte sein steifes Bein heute nicht, es war ein strahlend schöner Sommertag.
Polizisten in nachtschwarzen Uniformen fuhren auf Motorrädern durch die Stadt. Es handelte sich um mächtige Maschinen, mit gewaltigen Vorderrädern und Liegesesseln aus robustem Leder. Die Motoren röhrten dumpf und der Geruch der Abgase stieg Dávid in die Nase. In Halterungen hinter den Sitzen steckten Maschinenpistolen, die mattschwarz glänzenden Läufe ragten drohend auf.
Eben bog eines dieser Motorräder vor ihm aus einer Seitengasse. Wie Dávid diese schwarzen Gestalten verabscheute! Er hatte das Gefühl, als schmerze sein Bein, sobald er einen dieser sogenannten Ordnungshüter erblickte.
Ihnen habe ich das steife Knie zu verdanken! Er ballte die Hände zu Fäusten und hinkte mühsam weiter. Die Erinnerungen an die auf ihn eintretenden Füße und einprügelnden Gewehrkolben verdrängte er mit Mühe.
Viele Leute hatten sich bereits auf der Rasenfläche vor dem schlichten weißen Holzgebäude des Parlaments versammelt, als er endlich ankam. Einfache Menschen waren es: Fischer, Bauern und Handwerker zumeist. Oberhalb der Rasenfläche, auf der Terrasse, durch ein Mäuerchen vom leichten Hang abgetrennt, hatten sich die Offiziellen versammelt. Seitlich von ihnen wehte die schwarz-gold-blaue Flagge des Kaiserreichs.
Über der Menge schwebte bedrohlich ein Quadrocopter der kaiserlichen Armee, flankiert von zwei Flugbikes der Polizei. Antigrav war eine der neuen Technologien, die das Kaiserreich entwickelt hatte. Als Zeichner fragte er sich natürlich, wohin die neuen Möglichkeiten noch führen mochten.
Der Løgmaður, der Premierminister der Färöer, trat ans Rednerpult. Er hatte ein breites, ehrliches Gesicht und seine Schläfen waren schon grau – wobei Dávid vermutete, dass der Premier ein wenig mit Puder nachhalf, um seine seriöse Ausstrahlung zu unterstreichen.
Hoch aufgerichtet stand hinter ihm der Kaiserliche Gouverneur Heinrich von Saxenburg. Ich bin der Vertreter des Kaisers, schien seine Erscheinung auszudrücken.
Das Amt des Premiermisters war von der Skandinavischen Union um die Jahrhundertwende erneut eingeführt worden, nachdem man es 1816 abgeschafft hatte.
Und dann war vor drei Jahren das Kaiserreich eingefallen und hatte die Inseln besetzt. Der Einfachheit halber behielt die Armeeführung das Amt bei, wenn auch als Marionette. Als Fassade gegenüber der Bevölkerung gewissermaßen. Hauptsache, es herrschte Frieden. Zu wichtig waren die Färöer als Rohstofflieferanten für das Reich.
Dávid, der sich am Rande der Menschenmenge aufhielt, grinste schief und humorlos. Gewalt und Täuschung beherrschen sie.
Der Premierminister öffnete den Mund, um seine Rede zu halten.
Da geschah es.
Rädelsführer stürzten vor, stießen Leute beiseite und liefen auf den Flaggenmast zu. Mit sich schienen die fünf ein weißes Laken zu führen. Am Mast wehte die verhasste kaiserliche Flagge.
Dem Premierminister blieb der Mund offen stehen. Gouverneur von Saxenburg erging es nicht besser. Er fasste sich jedoch als Erster. »Polizei! Nehmt diese Leute fest!«
Der Kordon von Ordnungshütern, der die Honoratioren von der Menschenmenge auf dem Rasen abschirmte, zögerte, schließlich wurde keiner der Politiker unmittelbar bedroht. Nur stockend setzten sich die Männer in Bewegung.
Der erste Rädelsführer holte nun die Flagge ein. Er riss sie an sich und warf sie verächtlich zu Boden. Seine Kumpane hatten inzwischen das vermeintliche Laken entrollt.
Die Polizisten hielten auf sie zu, aber sie waren zu langsam.
Am Rande nahm Dávid wahr, wie der Kaiserliche Gouverneur weiter Befehle schrie, seine Aufmerksamkeit lag jedoch auf den Rädelsführern, während ihm klar wurde, was das Laken darstellte. Es war gar keins, sondern Merkið – das skandinavische Kreuzbanner der Färöer: ein feuerrotes, azurblau umrandetes Kreuz auf weißem Grund.
Totenstille breitete sich aus.
Der Rädelsführer zerrte hastig an den Tauen. Majestätisch schwebte die Flagge nach oben, prangte über Tórshavn. Nur der knatternde Quadrocopter am blauen Himmel mit seinen zierlicheren Begleitern störte das malerische Bild. Die Motoren dröhnten von fern. Der salzige Geruch des Meeres überdeckte den Gestank der Abgase.
Die Polizisten schienen sich wie durch zähen Sirup zu bewegen, niemand machte ihnen Platz. Schließlich erreichten sie den Mast. Als sie die Männer zu Boden stießen und nach den Tauen griffen, erwachte die Menge zum Leben.
Ein dumpfes Grollen erhob sich aus den dichten Reihen, die gleichzeitig vorrückten. Dávid riss die Augen auf. Was geschieht hier?, fragte er sich angespannt. Er wich hastig zur Seite aus.
Schreie gellten von weiter hinten. Aus einer Nebenstraße schallte der begeisterte Ruf: »Auf Tinganes weht Merkið!« Damit war die Halbinsel gemeint, auf welcher die Regierung in schmucken roten Holzhäuschen residierte.
»Hier auch – hier auch!«, kam es zur Antwort hundertfach zurück.
Dávid wandte den Blick nach vorne. Die ersten Leute hatten die Polizisten nun beinahe erreicht. Die Bastarde zogen ihre Revolver, aber die Leute rissen ihnen die Waffen aus den Händen, bevor sie schießen konnten.
Gebrüll erhob sich und Dávid wich rasch noch weiter zurück, als er sah, wie sich immer mehr und mehr Menschen zu bewegen begannen. Sie stürmten vollkommen entfesselt auf die Polizisten zu und trampelte sie nieder.
In diesem Moment rannte der Anführer der Rädelsführer auf den Premierminister zu. Den Gouverneur ignorierte er.
Der Regierungschef trat wie betäubt zur Seite, wechselte nur einen hilflosen Blick mit dem Kaiserlichen Gouverneur.
Der Rädelsführer wandte sich an die Menge. »Volk der Färöer! Ich, Atli Esmundursson, spreche nun!«, rief er. »Die Knechtschaft durch das Kaiserreich ist vorüber! Keine unerträglich wachsenden Kriegssteuern mehr! Keine Fronarbeit mehr in den Minen und kein Dienst mehr im Namen eines fremden Kaisers!
Von nun an beugen sich die Färinger niemandem mehr! Frei bestimmen wir unser Schicksal, wie Island das schon seit fünfzehn Jahren tut. Hiermit fordere ich Steingrimnur auf, offiziell die Unabhängigkeit zu erklären. Es lebe die Freiheit!«
»Freiheit! Nieder mit den Sklaventreibern!«, schallte es zurück.
Der Premierminister räusperte sich und trat einen Schritt vor. Sein breites Gesicht mit dem kantigen Kinn war blasser als zuvor und er räusperte sich mehrmals.
Aber bevor er etwas sagen konnte, landeten die beiden Flugbikes und der Quadrocopter senkte sich herab. Die vier Rotoren an den beeindruckenden Auslegern verursachten einen künstlichen Sturm.
Schüsse fielen und schrille Schreie gellten, aber die Menge war zu dicht, als das Dávid hätte erkennen, wer getroffen worden war.
Das war zu viel.
Die beiden Polizisten wurden von ihren Bikes gezerrt und schon stiegen die röhrenden Maschinen wieder auf. Sie hielten auf die Kanzel des Quadrocopters zu, wiesen dabei unmissverständlich nach Westen, wo der Stützpunkt der Kaiserlichen Armee lag. Dabei deuteten die montierten Geschütze auf den Piloten, wobei die Maschinen im Sturmwind der Rotoren schwankten.
Und das Wunder geschah: Der Hubschrauber drehte nach Westen ab und entschwand schließlich.
Die Bikes landeten wieder und es wurde ruhiger. Jetzt konnte der Premierminister sich Gehör verschaffen. »Wir sollten nichts überstürzen …!«
Seine Worte wurden mit einem wütenden Raunen aufgenommen.
Er blickte entsetzt drein und räusperte sich erneut. Seine Stimme klang anders, überzeugter, als er fortfuhr: »Andererseits wäre ich der Letzte, der sich dem Volkswillen widersetzen würde. Ich erkläre unsere Inseln hiermit für frei von fremder Knechtschaft. Nehmt den Gouverneur fest!«
Dávid versuchte, aus dem Weg zu gehen, aber es war ein Wunder, dass er nicht niedergetrampelt wurde. Die Leute waren außer sich und rissen ihn mit ihrer Ekstase mit. Er hob die geballte Faust.
»Nach Vágar! Nach Vágar!«, brüllten heisere Stimmen.
Auf der gleich östlich der Hauptinsel gelegenen Insel Vágar befand sich der schon erwähnte Stützpunkt der Kaiserlichen Armee und Luftwaffe, den galt es unter Kontrolle zu bringen.
Dávid fiel in die Rufe mit ein und lief ein paar Schritte mit, musste aber einsehen, dass er nicht mithalten konnte. Sein Bein schmerzte. Also machte er sich lieber davon, bevor er niedergetrampelt wurde. Und was, wenn der Aufstand fehlschlug? Er war schließlich ein einfacher Mann und wollte keine Scherereien. Seine bisherigen Erfahrungen mit der Polizei waren nachhaltig genug.
Also verschwand er lieber.
Später erfuhr er, dass der Kaiserliche Gouverneur tatsächlich gefesselt und in eine Gefängniszelle geworfen worden war. Und einheimische Unteroffiziere und Mannschaften hatten den Stützpunkt im Handstreich genommen, die kaiserlichen Befehlshaber wurden eiskalt erwischt.
Dávid schlief in dieser hellen und kurzen Sommernacht nicht. Er blieb in der Stadt und beobachtete das Geschehen.
Er wanderte umher, trank ein Bier nach dem anderen und feierte ausgelassen. An anderen Orten zogen grölende Banden durch die Straßen und suchten nach Kaiserlichen.
Wir sind tatsächlich frei, dachte er und nahm einen Schluck. Er war glücklich, wie seit seiner Entlassung aus der Haft nicht mehr, dennoch entsetzte ihn die Gewalt.
Der Volkszorn auf das Kaiserreich entlud sich nach all den Jahrhunderten der Fremdherrschaft. Das Kaiserreich war nicht die erste Macht gewesen, die nach den friedlichen Inseln griff. Häuser brannten und es glich einem Wunder, dass lediglich zwanzig der Besatzer und vier einheimische Polizisten ihr Leben gelassen hatten. Allerdings hatte es Verletzte gegeben, viele waren niedergetrampelt worden. Der Aufstand war letzlich auch nur gelungen, weil die färöischen Soldaten der Flotte und der Luftwaffe das kaiserliche Oberkommando festgesetzt hatten.
Die färöische Revolution war geglückt und, bei allem Entsetzen, erstaunlich unblutig verlaufen.
Der Kaiserliche Gouverneur wurde am nächsten Tag mit anderen Reichsbürgern an Bord einer Schaluppe geschleppt und nach Aberdeen gebracht. Die Briten, so erzählte man sich auf den Inseln später lachend, hatten verdutzt und misstrauisch auf das färöische Boot reagiert, den Gouverneur und seine Leute aber in Empfang genommen und inhaftiert.
Rasch beruhigte sich die Lage. Die typische Gelassenheit der Färinger gewann die Oberhand und sie machten sich wieder an die Arbeit. Dennoch war jetzt alles anders.
Es war eine Geburtsstunde gewesen, die Geburtsstunde einer freien Nation.
Der Archipel im Nordatlantik war nun endlich unabhängig.
Dávid schreckte auf.
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Vor ihm auf dem Tisch lagen Konstruktionszeichnungen für neue Flugzeuge und fliegende Schlachtschiffe. Darunter fand sich auch ein neuartiges Trägerflugzeug, das Jäger an ihren Bestimmungsort transportieren konnte. Diesel war teuer, der einheimische besonders. Das Lanolin, welches beigemischt wurde, trieb die Effektivität, leider aber auch den Preis, in die Höhe. Jeder Transport musste also gerechtfertigt sein.
Er sah auf. Der Blick nach draußen zeigte ihm den Nólsoyfjord und in der Ferne die grasigen Hänge der vorgelagerten Insel Nólsoy. Die große Fensterfront des modernen Gebäudes, vom nüchternen, funktionalen Bauhaus-Stil inspiriert, flutete das Büro mit Licht.
Über dem Fjord schwebte das Luftschiff der Luftraumüberwachung. Tag und Nacht war es besetzt. Die Wachen arbeiteten in Schichten. Fünf dieser Luftschiffe waren ständig im Einsatz…
Das Buch ist als eBook und Taschenbuch im gesamten Buchhandel erhältlich.


























