Antje Haugg: Sternenstaub über Bayreuth

Als der vierzehnjährige Jonathan von München nach Bayreuth zieht, ist er total genervt von der Vorstellung, in diesem Nest leben zu müssen. Das ändert sich jedoch schnell, denn in seine Klasse geht auch die faszinierende Patrizia, in die er sich verliebt. Ihr geht es ebenso, und somit könnte alles bestens sein – wenn Patrizia nicht ein Geheimnis mit sich herumschleppen würde, das sie nicht einmal Jonathan anvertrauen will.
Und um Jonathan komplett zu verwirren, taucht auch noch die geheimnisvolle Babette auf, die sich als Pats Schutzengel entpuppt. Schwer zu verdauen für Jonathan, der mit übersinnlichen Sachen gar nichts am Hut hat! Aber damit nicht genug: Als Pat sich endlich dazu durchringen kann, Jonathan die Wahrheit zu erzählen, ist das der Beginn eines Abenteuers, das die drei bis nach Kroatien führt.


Antje Haugg

Sternenstaub über Bayreuth

Blick ins Buch

© Elvea 2023 | Alle Rechte vorbehalten!


Prolog

Als ich ein kleines Mädchen war, ging meine Oma fast täglich mit mir spazieren. Und wenn wir in der Gaststätte Wohlrab am Saaser Berg einkehrten, dann führte uns unser Weg an einigen Gärten vorbei, die sich an den Waldrand schmiegten. Einer dieser Gärten war anders: Ich rannte immer wieder zur Gartentür und spähte durch den Zaun hindurch, denn ich war überzeugt, dass dort Elfen, Feen, Kobolde und verwunschene Prinzessinnen wohnten, die ich bestimmt eines Tages finden würde.

Damals hatte ich kein Glück. Aber heute bin ich überzeugt davon, dass dieser Garten tatsächlich verzaubert ist – wenn auch auf eine ganz andere Art als damals vermutet!


Kapitel 1

Als Jonathan das kastige, hellblau gestrichene Gebäude vor sich sah, das in Zukunft seine Schule sein würde, gab er sich die denkbar größte Mühe, ganz cool zu wirken. Um nichts auf der Welt wollte er sich anmerken lassen, dass er sich klein, verloren und sogar ein wenig hilflos fühlte. Sein erster Schultag in Bayreuth! Was das wohl werden würde …

Missmutig starrte er auf die Aufschrift Gymnasium Christian-Ernestinum und ging zu der Glastür, um sie aufzuziehen. Mist – abgesperrt! Eine helle Stimme rief hinter ihm:

»Das ist die Nebentür, die ist zu. Du musst hier hinten rein!«

Jonathan drehte sich um und sah einen Knirps, vermutlich fünfte Klasse, der ihm zuwinkte und in den Hof deutete. Dann lief der Kleine voraus, und Jonathan folgte ihm mit dem unbestimmten Gefühl, sich schon blamiert zu haben, bevor er diese Schule überhaupt betreten hatte.

Er schaffte es nicht, Begeisterung dafür zu heucheln, dass sein Vater von München weg an die Uni Bayreuth gewechselt war – nur weil er aus irgendwelchen Gründen glaubte, dass München zu groß war, um die Kinder dort zu vernünftigen Menschen heranwachsen zu lassen! Jonathan liebte München, er fand es nicht zu groß! Bayreuth dagegen hielt er für das letzte Nest.

Als sie an der Autobahn die Ausfahrt Bayreuth-Süd hinter sich gelassen hatten und sein Vater bei Bayreuth-Nord den Blinker gesetzt hatte, hatte Jonathan nur gebrummt: »Doch ganze zwei Ausfahrten für eine Stadt?«

Und er hatte alle Verachtung seiner vierzehn Jahre in diese Frage gelegt. Seine Mutter hatte sich zu ihm umgedreht und in ziemlich mitfühlendem Ton gesagt: »Jonathan, sei doch nicht gar so frustriert! Du und Liss, ihr könnt euch doch besuchen. Spätestens in den Pfingstferien. Und ihr könnt telefonieren oder auf WhatsApp schreiben. Das ist doch kein Weltuntergang. Wie wär‘s – Pfingsten fährst du nach München und dann triffst du Liss und Womo.«

Jonathan hatte nicht geantwortet, dafür aber sein kleiner Bruder Maxi: »Mum, was soll das denn? Joni ist doch gar nicht mehr mit Liss zusammen! Die hat doch jetzt …«

»Halt bloß dein Lästermaul!«, unterbrach ihn Jonathan grob. »Das hat gar nichts mit Liss zu tun, ich will einfach nicht nach Bayreuth ziehen! Was sollen wir denn hier?«

Egal, es hatte nichts geholfen. Jetzt war er hier und musste in seine neue Klasse. Suchend schaute er sich um und folgte dann sicherheitshalber dem Schild, das den Weg zum Sekretariat wies. Auf sein eher zögerndes Klopfen hin ertönte ein resolutes »Herein«, und Jonathan hielt es für besser, dieser Aufforderung zügig Folge zu leisten.

Eine ältere Dame sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg forschend an und nickte dann aufmunternd. »Na, was gibts denn?«

Jonathan holte tief Luft und sagte dann schnell: »Grüß Gott! Ich bin der Jonathan Müller. Ich wollte fragen, wo ich meine neue Klasse finde.«

Klackerdiklack – rote Fingernägel tippten auf der Tastatur herum. »Die 8A – da musst du hier den Gang entlang, hinten rechts, das vorletzte Zimmer. Viel Spaß!«

Jonathan nickte ihr zu und drehte sich schnell um, damit sie nicht mitkriegte, dass er eine Augenbraue hochzog. »Viel Spaß!« – na, einen blöderen Spruch hätte sie ja wohl kaum bringen können!

Er lief gerade erst in Richtung Klassenzimmer, als es auch schon läutete, und er spürte, wie sein Herz schneller klopfte. He, war er nicht der King Cool seiner alten Clique in München gewesen? Er schüttelte sein schulterlanges hellbraunes Haar nach hinten, das ihm wieder mal wild ins Gesicht hing. Vor der Tür blieb er kurz stehen, schaute sicherheitshalber noch mal auf das Schild (nicht dass er in die falsche Klasse rauschte – das wäre ja peinlich!), klopfte wesentlich energischer als vorhin an die Sekretariatstür, und ging hinein.

23 Augenpaare musterten ihn interessiert von Kopf bis Fuß, als er die Tür hinter sich zuzog. Eine zierliche, junge Lehrerin lächelte ihn an und sagte: »Na, du bist wohl der Jonathan Müller?«

»Jo, der bin i!«, rutschte es ihm in unverkennbarem Oberbayrisch heraus. Sofort ärgerte er sich darüber – einmal, weil ihm das gleich beim ersten Satz passiert war, und dann auch, weil es ihn überhaupt ärgerte. Er kam ja schließlich von dort, warum sollte er dann nicht auch so reden wie sonst?

»Aha, aana vo die Bayern«, tönte es aus der vorletzten Reihe. Jonathan schaute hinüber: Die Stimme gehörte zu einem großen Jungen mit frecher Stoppelfrisur und etlichen Sommersprossen im Gesicht, der ihn breit und abwartend-freundlich angrinste.

»Ihr seid‘s doch aa Bayern«, antwortete er vorsichtig, worauf einige anfingen zu lachen.

»Naa, Frangn!«

Jonathan schaute ihn verwirrt an und war heilfroh, als die Lehrerin sich einmischte und ihm vorschlug, sich gleich neben den Jungen zu setzen. »Neben dem Tobias ist eh ein Platz frei, da kannst du dich hinsetzen. Aber über das fränkische Unabhängigkeitsbestreben diskutiert ihr bitte erst in der Pause.«

Taten sie nicht. Stattdessen unterhielten sie sich über die Schule, die Lehrer, Jonathans Umzug und die örtlichen Sportvereine. Tobias erzählte mit einem abgrundtiefen Seufzer, dass einige Vereine mal richtig gut und weit oben gespielt hatten. Aber aktuell kreiste der Pleitegeier über Fußball und der Eishockeyverein erholte sich gerade erst wieder, was Tobias offensichtlich tierisch runterzog.

Alles in allem lief der erste Schultag wesentlich besser als befürchtet – obwohl Jonathan das natürlich niemals zugegeben hätte!

Beim Abendessen brachte er die Sprache aber sicherheitshalber doch auf die Frangn, damit er für den Fall der Fälle informiert war. Sein Vater grinste breit und meinte nur:

»Na ja, viele Franken hören es nicht wirklich gern, dass sie zu Bayern gehören. Sie fühlen sich halt in erster Linie als Franken, und nicht wirklich verbunden mit München. Also, wenn du einen waschechten Franken ärgern willst, musst du ihn nur Bayer nennen.«

Na prima! Anscheinend hatte er da sofort das erste Fettnäpfchen mitgenommen!

Aber Gott sei Dank trug ihm keiner etwas nach. Vielleicht hatten seine Klassenkameraden ja auch Mitleid mit ihm, weil er vierzehn Jahre alt werden musste, bevor er hierher ziehen durfte. Der Einzige, der seine fränkischen Wurzeln beim besten Willen nicht verbergen konnte, war sowieso Tobias – oder wie er sich selbst nannte: Dobias, kurz Doby. Der Rest schaffte ein leidliches Hochdeutsch, das nur zwischendurch von seltsam weichen t und p unterwandert wurde.

Nach einigen Tagen beschloss Jonathan, sich vielleicht doch wohl zu fühlen. Und nach noch ein paar Tagen bemerkte er zum ersten Mal Patrizia. Obwohl sie ja schon die ganze Zeit schräg vor ihm saß, war sie ihm bisher nicht mehr und nicht weniger aufgefallen als jedes andere Mädchen in der 8A.

Bis zu diesem Dienstag im April, dritte Stunde. Latein. Patrizia wurde aufgerufen zum Übersetzen. Und während sie souverän und leicht gelangweilt den Text übersetzte, ohne auch nur einen Moment zu zögern, machte es ganz plötzlich pling in Jonathans Kopf.

Er beobachtete Patrizia, stellte fest, dass sie nach jedem Satz den Kopf ganz leicht nach hinten warf, um die Haare zurechtzuschütteln. Der Pliniustext rauschte an ihm vorbei, ohne dass er ihn wirklich mitbekam. Egal, den hatten sie kurz vor Ostern eh in München durchgekaut! Das war jetzt auch seine Rettung, denn nach einer Weile drängelte sich eine andere Stimme ziemlich unschön und störend in seinen Kopf, mit den Worten: »Jonathan, vielleicht kannst du Patrizia ablösen?«

Auweia! Wenn er jetzt nur wüsste, wo sie waren! Doby flüsterte ihm ein Stichwort zu, und nach kurzer Suche fand er den Einstieg und bemühte sich, ebenso flüssig zu übersetzen wie Patrizia. Obwohl er sich tapfer schlug, war er froh, als er mit seinem Textstück fertig war. Schon allein, weil er jetzt vermutlich bis zum Gong seine Ruhe haben würde.

Unwillkürlich wanderte sein Blick wieder zu Patrizia und blieb an ihrem feuerroten Haar hängen. Es sah aus, als würde es Funken sprühen, wenn Patrizia ihren Kopf bewegte, weil die Aprilsonne durchs Fenster genau ins Klassenzimmer schien. Am liebsten hätte Jonathan die Hand ausgestreckt, um auszuprobieren, ob er dann tatsächlich einen elektrischen Schlag bekommen würde.

Er hatte nicht bemerkt, dass auch er beobachtet worden war, aber als sie viel später zur zweiten Pause hinaus gingen, klopfte Doby ihm auf die Schulter. »Die Pat gefällt dir wohl?«, wobei Pat mehr wie Badd klang. »Da wirst du dir aber die Zähne aus­beißen.«

Jonathan sah Doby erstaunt an. »Ist das so auf­fällig?«

Der nickte. »Klar – wenn man direkt neben dir sitzt! War nicht zu übersehen.«

»Und warum werde ich mir die Zähne ausbeißen?«

Doby schwieg einen kurzen Moment und suchte nach den richtigen Worten. »Ihr Vater ist schon vor Jahren gestorben, und ihre Mutter ist wohl sehr komisch. Die mag keinen Besuch, zumindest nicht, seit ich Pat näher kenne. Pat bringt nie jemanden mit heim, und wenn sie Geburtstag feiert, sperrt sich ihre Mutter im Schlafzimmer ein. Um ihre Ruhe zu haben, oder aus Protest. Na, und dass so was auf Pat abfärbt, ist ja kein Wunder.«

»Also keine Chance, sie zu treffen?« Jonathan fühlte sich, als wäre gerade ein Schatten vor die Sonne gezogen worden. Aber Doby grinste nur breit.

»Geh doch am Freitag mit auf Eishockey! Da ist das vorletzte Heimspiel der Tigers, und ich garantiere dir, dass Pat auch dort sein wird.«

Auf, das sagte Doby immer, wenn er irgendwohin gehen wollte. Er fuhr sogar auf Kulmbach, was für Jo ziemlich seltsam klang.

Jonathan grinste zurück. »Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich in München bei jedem Heimspiel war?«

Womit der Fall klar war.


Das Buch ist als eBook, Taschenbuch und Gebundene Ausgabe im Buchhandel erhältlich.


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