Claus Beese: MeerZeit

Jeder von uns wünscht sich mehr Zeit für Meerzeit. Stunden, in denen wir vor dem Alltag fliehen können, in denen uns der Seewind den Kopf klarpustet, in denen wir dem Rauschen des Meeres und dem Geschrei der Möwen lauschen können, oder einfach nur auf einer Bank sitzen und auf die See hinausschauen, die in keinem Moment so ist, wie zuvor. Wenn die Sehnsucht zu groß wird, kann man sich auch ein Buch mit Geschichten von Küste und See nehmen, um sich beim Lesen der Abenteuer einfach ans Meer zu träumen. Mit 43 Geschichten vom Meer und einigen Versen und Gedichten unterstützt Sie der Autor dieses Buches gerne dabei. Er erzählt darin von den Wikingern, vom Klabautermann, von gruseligen Dingen und der Liebe. Grundlage für dieses Buch sind auch ein paar Geschichten aus seinem früheren Buch „Strandgut“, dass es im Handel nicht mehr gibt. Der Autor wünscht allzeit eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken, genügend Wasser unterm Kiel und gute Unterhaltung.


Claus Beese

MeerZeit

Geschichten und Gedichte von Küste und See

Blick ins Buch

© Elvea 2019 | Alle Rechte vorbehalten!


Auf der Weser

Lange bevor ich meinen Fuß auf etwas setzen durfte, das auf den Wassern der Weser schwamm, war ich schon Bootsbesitzer. Wir waren gerade nach Bremen gezogen und ich sollte eingeschult werden. Mir war nicht ganz klar, wozu das gut sein sollte, denn es stand für mich fest, dass ich Kapitän werden wollte. Oder Fischer … oder Pirat. Jedenfalls musste es mit Wasser zu tun haben. Die Weser in Bremen zog mich magisch an, und wir Kinder liebten es, an ihren Ufern herumzuklettern. Nicht weit vom damaligen Liegeplatz des Segelschulschiffes Deutschland, fast mitten in der Stadt Bremen, fand ich eines Tages ein Boot. Oder zumindest das, was die Zeit davon übriggelassen hatte. Ein altes hölzernes Schiffchen mit einer Kajüte, ohne Motor und mit vielen Löchern im Rumpf. Doch hielt mich das nicht davon ab mit ihm die Weltmeere zu bereisen. Es ging auf Kabeljau- und Heringsfang in der Nordsee, als ›Claus von Bremen‹ stand ich dem berüchtigten Piraten Klaus Störtebeker auf seinen abenteuerlichen Kaperfahrten bei und als der Luxusdampfer ›Bremen‹ am stadtnahen Weserbahnhof anlegte, wurde ich Kreuzfahrtkapitän.

Erst ein paar Jahre später segelte ich mit einem Bekannten auf seinem Schiff mit, und es hatte so gar nichts mit dem gemütlichen Dahintreiben zu tun, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich wohnte nun im Bremer Norden, dort, wo eine Schiffswerft neben der anderen lag, wo einfache, aber nette Menschen wohnten und arbeiteten, die sich in ihrer Freizeit ihre Segelboote noch selber bauten und wo es keine Brücken mehr über den Fluss gab. Wer an das andere Ufer wollte, musste entweder schwimmen oder eine der Fähren benutzen. Über die Angelei war ich zu den Wassersportlern gekommen, die bei uns in Blumen­thal einen Bootshafen hatten. Ich besaß bald ein eigenes kleines Ruderboot mit einem Außenbordmotor, und die Fische in der Weser schreckten zusammen und erblassten, wenn ich ihn startete. Es bedeutete regelmäßig das Ende für einige ihrer Artgenossen. Doch gab es kein Ende für mich, denn ich wusste, dass es weiter flussabwärts zwar ein Ende des Flusses gab, dafür aber dort das weite Meer begann. Mein Freund Kuddel konnte gut mit meinen Eltern und überredete sie, mich mit ihm auf Kaperfahrt gehen zu lassen. In Wirklichkeit wollte er am Wochenende einen Törn nach Bremerhaven machen, um einige Dinge zu testen, die er an seiner Takelage und den Segeln verbessert hatte.

Ich will nicht prahlen, mit einem Motorboot umgehen konnte ich, auf der Ostsee hatte ich auch schon einen Angelkutter ein ganzes Stück weit steuern dürfen, aber vom Segeln verstand ich nichts. Und schon gar nicht, wie man mit der Kraft des Windes zwischen den ganzen Dampfern und Schleppern hindurch manövrieren sollte. Kuddel war ein guter Segellehrer. Ein raumer Südwestwind trieb uns zusammen mit dem ablaufenden Wasser bei schneller Fahrt nach Norden, dem Meer entgegen. Bis zur Mündung der Hunte, die aus dem Oldenburgischen kam, kannte ich den Fluss wie meine Westentasche, doch als die alte Schifferstadt Brake in Sicht kam und ich die wirklich großen Seeschiffe sah, wurde mir doch mulmig. Die sonnigen Strände am Weserufer endeten, und die Hafenstadt zwischen Bremen und der Wesermündung zeigte ihr industriell geprägtes Gesicht mit Kaianlagen und Umschlagplätzen. Schlepper und eine Fähre wuselten hin und her, bahnten sich einen Weg durch die vielen Binnenschiffe, die den Strom hinauf und hinunter fuhren. Und wir unter Segel mittendrin.

Große Frachter lagen an der Midgardpier, einer unglaublich großen Umschlagsanlage in Nordenham. Riesige Tanker lagen ein Stück weiter weserabwärts in Blexen und löschten ihre Ladung in die ebenfalls riesigen Lagertanks an Land. Die Weser wurde breiter und breiter, und kurz vor Bremerhaven ankerten die Seeschiffe mitten im Fluss, die noch nicht an den Kais abgefertigt werden konnten. Sie lagen auf Blexen-Reede, einem Parkplatz für Schiffe. Dann passierten wir den Ochsenhals, eine berühmte Kurve im Fluss. Hier sprangen die Ufer weit auseinander, das Wasser schmeckte bereits sehr salzig und das Geschrei der unzähligen Möwen klang heiserer als bei uns. Der Wind fasste nun voll in die Segel und trieb uns trotz auflaufender Flut weiter hinaus, vorbei an den Hafenanlagen und der Columbuskaje, dem Bahnhof am Meer.

»Ab hier regieren Neptun und der Klabautermann«, meinte Kuddel und sah mich prüfend an. »Wollen wir noch weiter?«

Ich hatte bemerkt, dass er schon alles für eine Wende vorbereitet hatte, und sein Hinweis, dass wir nunmehr im Begriff waren, vom Fluss aufs offene Meer zu wechseln, ließ mich seinen Entschluss teilen.

»Ach, Kuddel«, willigte ich darum ein, »nach Tahiti und Samoa schaffen wir es heute doch nicht mehr und die Dusche auf Helgoland ist auch nicht so erstrebenswert. Also lass uns umdrehen und im Geestehafen übernachten. Die Weser ist auch ganz schön, und die Welt erkunden wir dann nächstes Wochenende.«

Gedankenblasen

Viel zu schnell vergeht die Zeit. War es nicht erst gestern, als ich von der Bank an der Promenade die Kinder am Strand spielen sah? In den Strandkörben am Südstrand brutzelten die Urlauber in der Mittagshitze vor sich hin, einige planschten in den Fluten der Ostsee, deren Wellen mit leisem Zischen auf den Strand aufliefen. Draußen, auf dem Blau der See, zogen Boote mit prall gefüllten weißen Segeln dahin, einige liefen mit Südkurs in Richtung Travemünde, andere hatten den Bug in Richtung Kiel-Ostsee-Weg gewandt, vorbei am Leuchtturm Staberhuk dem Abenteuer entgegen. Als ich seufzend auf der Bank saß und die am blauen hohen Himmel dahinziehenden weißen Schäfchenwolken betrachtete, die keine Ländergrenzen kennen und sich einfach von der lauen Brise treiben lassen, wünschte ich beinahe, ich könnte mit ihnen ziehen. Von der See her tönten die heiseren Schreie der Möwen an meine Ohren und ich sah, wie sie ohne Flügelschlag durch die Lüfte schwebten, der warme Sommerwind sie davontrug, in alle Richtungen, in die sie nur wollten.

Heute ist der Sandstreifen am Wasser leer, der Herbstwind bläst kühl von der See her aufs Land, die Bäume, gestern noch in sattem Grün, beginnen sich zu verfärben und herbstliches Gelb erinnert daran, dass der Sommer zu Ende ist. Ich gehe durch fallendes Laub, das der Wind an einigen Stellen zu kleinen Haufen zusammenweht, und ich fühle mich selbst wieder wie ein Kind, als ich mit den Füßen mitten hinein springe und die trockenen Blätter raschelnd nach allen Seiten davonstieben. Das Schreien der Möwen scheint noch ein wenig heiserer geworden zu sein, weiße Segel auf dem grauen Meer sind seltener geworden und nur der Fischkutter, der dicht vor der Küste mit leisem Tuckern unterwegs zu den Netzen ist, erregt die Neugier des Betrachters. Der Blick folgt ihm hinaus aufs Wasser, dessen Wellen ihn auf- und niedersteigen lassen.

Nur im Hafen des kleinen Ortes ist Betrieb. Die Freizeitkapitäne bereiten ihre Boote auf die Winterpause vor, Masten werden gelegt, die Boote zum Kran verholt, wo sie nacheinander aus dem Wasser gehievt und auf die Lagergestelle gesetzt werden, in denen sie die nächsten Monate, über die kalte Jahreszeit hin, ruhen werden. Mir fällt die Geschichte vom Weihnachten der Schiffe ein, die ich mir für meine damals noch kleine Tochter ausgedacht hatte, als sie mich fragte, ob Boote auch Weihnachten feierten.

Erinnerungen formen sich zu bunt schillernden Seifenblasen und steigen vor meinem geistigen Auge in mein Bewusstsein. Wie schön war der Sonnenaufgang am Meer, wie laut das Knattern der bunten Fahnen im Seewind, wie erfrischend das Lachen der Möwen am Strand von Großenbrode, wenn sie sich um einen Happen balgten.

Alles vorbei, zu Ende, Vergangenheit.

Doch halt. Nichts ist vorbei, denn was in meiner Erinnerung die Seele schwermütig werden lässt, ist gleich­zeitig ein Versprechen, dass es im nächsten Jahr wieder so werden kann, so werden wird. Dann bin auch ich wieder hier und füge dem Vorrat meiner Gedankenblasen viele neue hinzu.

Seeglas – was für eine Bezeichnung für etwas, bei dem man in Erklärungsnot kommt, wenn es um seine Entstehung geht. Es ist überall an den Stränden der Nord- und Ostsee zu finden, doch woher stammt es? Es ist so schön, schimmert zwischen den nassen Sandkörnern so bunt und geheimnisvoll. Wie hat das Meer es wohl vollbracht, etwas so Wunderbares und Mystisches herzustellen, das aussieht wie kleine Edelsteine.

Ich erinnere mich noch an meine ersten Hochsee­angelfahrten, als ich zwölf war. Heiligenhafen, Laboe, Maasholm und Kiel waren die Ausgangshäfen der Angelfahrten, die damals noch zum zollfreien Wareneinkauf genutzt werden konnten. Und auch daran, dass aller Müll von den Kuttern und Schiffen einfach über Bord geworfen wurde. Schnödes Altglas, von unzähligen Schiffscrews als leere Flaschen über die Reling entsorgt und vom Meer zu wunderbaren Gebilden geschliffen, auf dem Wege, wieder das zu werden, was es einst war: Sand.

Mittlerweile ist fast ein ganzes Menschenleben vergangen, und vielleicht ist das eine oder andere Stück Seeglas, das ich heute fand, Bruchstück einer leeren Flasche von damals, die achtlos in den Fluten der Ostsee versank.

Doch will man das seinen Kindern erzählen, wenn sie nach der Herkunft dieses bunten Minerals fragen? Nicht, dass man nicht zu den Untaten von damals stehen würde, aber diese Erklärung wäre einfach zu profan.

Für die einen ist es trübe geschliffener Umweltmüll, für die anderen sind diese Fragmente Edelsteine voller mystischer Magie und Kraft. Die Ostsee war und bleibt ein zauberhaftes Meer voller Geheimnisse und Rätsel, die niemals alle geklärt werden sollten.

Denn vielleicht ist Seeglas ja auch tatsächlich etwas ganz anderes. Nachlass der zahlreichen Feierlichkeiten im Meer, wenn Neptun eine seiner Töchter vermählte und die Feier außer Kontrolle geriet. Fragmente überschäumender Lebenslust, die sich durch Zertrümmern von Essgeschirr Bahn brach, wie es noch heute bei den Helenen Brauch ist. Auch Wogen und überraschend auftretende Unwetter können dafür gesorgt haben, dass das edle Tafelgeschirr des Meeresgottes zu Bruch ging und nun von der Gewalt der Strömungen durch die Ozeane getragen wird.

Möglich wäre es auch, dass es Überreste von edlen kristallenen Kelchen ist, die bei Schiffsuntergängen verlorengingen, am Meeresboden zerschellten und Zeugnis sind vom Leben an Bord vergangener Zeiten.

Vielleicht sind es aber auch Hinterlassenschaften von unterseeischen Vulkanen, deren Schlote Sand zu Glas schmolzen und es heute noch tun. Oder es sind die Überreste von ins Meer gestürzten Sternen, die in der Atmos­phäre zu Glas verschmolzen und beim Aufprall auf die See in tausend Stücke zerbrachen. Man sollte vielleicht vorsichtig sein, mit Versprechen wie: »Ich hole dir die Sterne vom Himmel!«

Wer weiß es schon so genau? Schön sind sie allemal für die, die sich ihre Fantasie bewahrt haben und tausend abenteuerliche Geschichten durch das trübe Glas erkennen können, das seinen vollen Glanz nur in Verbindung mit dem Meer erhält.


Das Buch ist als eBook und Taschenbuch im Buchhandel erhältlich.


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