Auf Malta findet die Archäologin Eleonore Zammit in einem unterirdischen Labyrinth uralte Papyrusrollen.
Sie sind mit ägyptischen Hieroglyphen bemalt und stammen offenbar von Atlantis.
Eleonore Zammit und ein Team von Wissenschaftlern versuchen auf unterschiedliche Weise, den Inhalt der Papyri zu entschlüsseln. Welche Rolle spielt dabei der Ägypter Dr. Salek?
Und warum ist der Journalist Danielo Mostar hinter einem geheimnisvollen Suchtrupp her, der das Gelände durchforscht?
Schauplätze des Romans sind die magisch-mystischen Orte der Megalithkultur, u. a. Stonehenge, die Bretagne, Irland, und die Inseln und Küsten des Mittelmeers. Er schildert den Untergang des Atlantischen Reiches.
Ein fantastisches Roadmovie zur See durch die Welt vor dreieinhalbtausend Jahren.
Harald Braem
Atlantis-Botschaft
Historischer Fantasy-Roman
Blick ins Buch
© ELVEA 2020 | Alle Rechte vorbehalten!
Was sind wir Menschen denn anderes als Tiere, gefangen in den Echokammern der Zeit …
(frei aus der Gedankencloud nach einem unbekannten Denker zitiert)
Malta, in einem Höhlensystem unterhalb von La Valletta
Es ist warm, staubig und bedrückend eng hier unten. Die Luft scheint zu stehen. Im Schein der Stirnlampe tanzen winzige Partikel vor den Augen. Zweimal hat sie sich bereits beim Hineinkriechen an der niedrigen Decke gestoßen. Sie hasst Schutzhelme, weil sie darunter immer so schwitzt und sich wie eine Astronautin vorkommt. Sie nimmt lieber mal kleinere Kratzer und Schrammen in Kauf. Das gehört nun einmal zu ihrem Beruf. Aber diesmal sind es nicht die blöden Stöße an die Decke. Ihre Migräne scheint wieder im Anmarsch zu sein. Und das ausgerechnet jetzt, in dieser klaustrophobischen Situation … Sie kennt die Vorzeichen genau: zunehmender Druck im Schädel, der mitunter schwindelig macht. Dann das erste, unerwartete Stechen, nur in der linken Kopfhälfte, ein Schmerz, der, wie der Stich des Tentakels einer giftigen Feuerqualle, in ihr Bewusstsein greift. Dumpf, von hinten kommend, wie ein greller Blitz nach vorn durch bis zur Nasenwurzel. Zum Glück hat sie ihre Tabletten dabei. Sie trägt sie immer bei sich, in der rechten Außentasche ihrer Cargohose, und manchmal helfen sie wirklich. Aber sie muss sich vorsehen. Sie ist schließlich nicht mehr die Jüngste.
Eleonore, oder besser, Dr. Eleonore Zammit, ist siebzig und emeritierte Professorin der Università ta‘ Malta in Valletta. Sie ist klein, dünn, um nicht zu sagen spindeldürr, von zäher Konstitution. Kurz geschnittene, drahtige graue Haare umrahmen ein kantiges Gesicht. Sie ist solo, hat in ihrem Leben keine länger anhaltenden Liebesbeziehungen erlebt und dieses Thema irgendwann entschlossen ad acta gelegt. Sie hat auch keine Kinder; ihre Kinder sind die Bücher, die sie zur rätselhaften Tempelkultur ihrer Vorfahren schrieb. Viele Bände, die im hintersten Winkel des archäologischen Fachbereichs, wo man ihr ein winziges Studierzimmer samt Schreibtisch und Computer überlassen hat, die halbe Schrankwand füllen. Forschen und Schreiben, das ist ihr Leben, Feldforschung draußen und das Verfassen, Korrigieren, Überarbeiten tausender Manuskriptseiten in der muffigen Abstellkammer, die, wegen der düsteren Atmosphäre, die in jedem Winkel des Raumes hockt, außer ihr niemand zu betreten wagt.
Eleonore ist ein Arbeitstier, sie hat sich in all den Jahren kaum eine Pause geschweige denn einen sinnlosen Urlaub gegönnt. Wenn sie erst einmal einem Gedanken oder Hinweis auf der Spur ist, ist sie nicht mehr zu bremsen. Das bekommt ihr gut. Bis auf die unregelmäßig auftretenden Migräneattacken ist sie einigermaßen gesund und in der Regel hellwach (abgesehen von einzelnen Phasen, in denen sie etwas zu viel dem Rotwein zuneigt). Sie denkt nur in Projekten, Epochen und Zeitfenstern. Living on the magic line nennt sie diesen Zustand, der sie ohne Drogen und Stimmungsaufheller glücklich macht. Und diese Entdeckung hier, tief unter den belebten Häusern und Straßen der Stadt, wo nur die Stille der Ewigkeit herrscht, hat sie von Anfang an euphorisch gemacht.
Vor einem Jahr fing alles ganz harmlos an: Zuerst stürzte ein verlassenes, baufälliges Haus ein, das abgerissen werden sollte, um Platz für neuen Wohnraum zu schaffen (die Bevölkerung Maltas wächst, Wohnungen in der Stadt werden knapp, und die Mieten steigen in astronomische Höhen). Dann legte der Baggerführer einen verborgenen Eingang im Kellergewölbe frei. Da gerade Semesterferien waren und niemand Zeit und Lust hatte, sich darin stören zu lassen, wurde Eleonore beauftragt, dort nach dem Rechten zu sehen.
»Die alte Professorin hat immer Zeit«, hatte der Direktor geäußert, »die kann das mal machen.«
Und so war sie mit dem Taxi zur Baustelle gefahren, hatte sich tagelang mit mürrischen Bauarbeitern durch Schutt und Trümmer gewühlt und schließlich den Eingang zu einem Höhlensystem gefunden, dessen Ausmaße viel größer waren als Anfangs gedacht. In einem hinteren, halb verschütteten Winkel fand sie die Tongefäße, schräg aneinander geschichtet wie in einem Warenlager. Sie waren mit Lehmklumpen versiegelt und zum größten Teil noch gut erhalten. Als sie mit ihrem Schweizer Offiziersmesser (ein Utensil, das sich stets in der linken Außentasche ihrer Cargohose befand) das Lehmsiegel eines bereits rissig zersprungenen Gefäßes aufschnitt und vorsichtig ein paar größere Scherben entfernte, fiel ihr sofort der Inhalt auf: Es waren Papyrusblätter, eng aneinander gerollt, vielleicht an vielen Stellen zusammengebacken, aber auf den ersten Blick hin in einem erstaunlich heilen Zustand.
Eleonore erinnert sich immer wieder an diesen Moment, obgleich er bereits ein Jahr zurückliegt, selbst in ihren Träumen erlebt sie die Szene real, als würde es gerade passieren. Ihr Herz klopft wild, ihre Hände zittern leicht, und die Gedanken in ihrem Kopf beginnen zu wirbeln. Instinktiv fühlt sie, dass sie soeben dabei ist, die größte Entdeckung ihres Lebens zu machen. Spektakulärer noch als der Sensationsfund damals von Hal-Saflieni, wo man vor vielen Jahrzehnten die schlafende Dame im Hypogäum fand. Eine kleine Tonfigur mit unglaublich dicken Körperteilen, die als sleeping lady in kurzer Zeit zu Weltruhm gelangte.
Eleonore Zammit kommt mittlerweile alles wie ein Traum vor. Was macht sie hier unten noch weiter im Labyrinth, wo manche Decken gefährlich bröckelig wirken und in keiner Weise vorschriftsmäßig abgesichert sind? Was sucht sie? Müsste sie nicht eigentlich längst wieder im Yachthafen von Gzira sein, auf dem Hausboot, das dem Computerteam derzeit als Labor und Unterkunft dient?
Aber sie hat ja den Stick dabei, ihren Laptop in der Nähe, eine Etage höher, wo sie zwischen Schuttbergen an einem Campingtisch ihr provisorisches Büro eingerichtet hat, um permanent online zu sein. Sie weiß, dass inzwischen mehrere Versionen der bisher übersetzten Papyrusschriften existieren. Wie bei den Rollen von Qumran. Eine, die sich streng wissenschaftlich an identifizierbaren Bildzeichen und daraus ableitbaren Bedeutungszusammenhängen orientiert, und eine andere, die frei assoziierend auf vergleichbare Algorithmen setzt. Und eine, die mehr auf Eleonores Fantasie und Erzählfreude beruht. So jedenfalls versteht sie den Text, würde ihn nach ihrem Gefühl so interpretieren. Diese Version hat sie auf ihrem Stick gespeichert. Vorerst hält sie sie noch geheim. Außerdem arbeitet sie noch ständig daran. Immer und immer wieder liest sie den Text, in den Pausen und den Nächten, in denen sie wenig Schlaf findet, ergänzt, verbessert, formuliert um und schmückt ihn an bestimmten Stellen nach bestem Wissen und Gewissen aus.
Eleonore Zammit wischt sich den Schweiß von der Stirn, kriecht rückwärts wie ein Wurm aus dem Erdloch, richtet sich mit einem Stöhnen auf. Einen Moment lang steht sie mit geschlossenen Augen leicht schwankend da. Sie wartet auf den Schmerztentakel. Nichts. Nur ein Druck im Schädel, eine leichte Benommenheit. Sie öffnet die Augen und beginnt den Aufstieg über die Leiter aus Metall. Unendlich langsam, mit der Geschwindigkeit eines Chamäleons, klettert sie Stufe um Stufe nach oben. Als sie den Arbeitstisch und den Schemel davor erreicht hat, schiebt sie den Stick ein …
Was für ein Glück, denkt sie, was für ein Glück, dass ausgerechnet dieses alte Haus eingestürzt ist und dass ich als erste informiert worden bin … Mittlerweile liebt sie die Ruine. Sie ist ihr Zuhause geworden. Der Bildschirm leuchtet auf. Sie beugt sich vor, um ohne Brille lesen zu können …
Es ist ein Papyrustext, den sie in mühsamer Kleinarbeit entziffert hat. (Es gibt da noch eine andere, fürchterlich schlecht erhaltene Rolle, die momentan nur aus winzigen Schnipseln besteht, welche sie schon seit vielen Tagen und Nächten auf dem Bildschirm hin- und herschiebt, um einen logischen Zusammenhang zu finden. Doch um den geht es momentan nicht.) Alle anderen Rollen sind inzwischen übersetzt und in die richtige Reihenfolge gebracht und nummeriert, behaupten jedenfalls die Kollegen aus dem Team. Sie ist anderer Meinung. Bei dieser hier muss es sich um die vorletzte Papyrusrolle handeln, davon ist sie fest überzeugt, obwohl die anderen Experten im Team sie für die Nummer eins halten:
2
Ich, Mazdanuzi, Sohn des Merlin von Karnak und der weisen Meri vom Klan der Eulen im geliebten Armorika, Gesandter der Meere, Eingeweihter dritten Grades und Botschafter von Atlantis, ich stehe mit leeren Händen hier, weil ich das Siegel des Hochkönigs beim großen Beben auf der Insel Minos verlor.
Ich richte meine Rede auch nicht wie sonst an Adlige, Generäle und Hohepriester, sondern nur an meinen Diener Haremtab, damit er ein letztes Protokoll anfertigt.
Ich, Mazdanuzi, bin Augenzeuge geworden vom Untergang unseres Reiches, ich sah das Imperium wanken, bersten und sinken, die einst so stolze und gefürchtete Großmacht der Meere, Inseln und Küsten im Erdkreis. Ich spüre das Land unter mir beben und bin schutzlos ausgeliefert, weil wir kein Schiff besitzen, nicht einmal ein winziges Schilfboot mit Segel, um zu entkommen. Wohin auch sollten wir uns wenden?
Nun, in der Stunde der größten Not, vertraue ich das gesamte Wissen meinem Schreibsekretär an, der mir treu ergeben und ein gebildeter Mensch ist. Haremtab stammt aus der Nilprovinz des Falken-Klans, beherrscht beide Sprachen fließend, unsere und die der dunkelhäutigen Ureinwohner, und versteht es, sie in den Zeichen der geheimen Schrift mit raschen Pinselstrichen auf Papyrus zu malen. Ich hoffe, dass er alles umsetzt, was ich ihm sage, dass er die Bilder gut darstellen wird, auch komplexe Gedankengänge und Schilderungen in Hieroglyphen bannt. Vor allem aber hoffe ich, dass er so schnell schreiben kann, wie ich spreche. Ich habe keine andere Wahl, ich muss es auf diese Weise versuchen, denn es bleibt nur noch wenig Zeit, um über alles, was von Belang sein könnte, genau zu berichten. Diese Niederschrift wird wahrscheinlich meine letzte Botschaft sein …
Unaufhaltsam versinkt Atlantis in den Fluten des Meeres, unter Asche und Lava, in Feuer und Sturm, als hätten sich alle Elemente gleichzeitig gegen uns verschworen. Die Gewalten der Natur, die wir so kühn herausforderten, um sie in unsere Dienste zu zwingen, sie erheben sich nun auf furchtbare Weise.
Die letzten Jahre wurden von Katastrophen erschüttert. Die Vulkane Etna und Thera auf den Inseln im Meer der Mitte barsten auseinander, ebenso der mächtige Hermon an der waldreichen Küste nördlich der Nilprovinz, die vom Klan des Phoenix besiedelt wird. Die Berge spien giftige Nebel aus und sandten Feuer, die alles Leben im weiten Umkreis verbrannten. Mancherorts erblickte ich Stätten des Grauens, vernichtete Tempel und Städte, die vormals als berühmte Zentren des Handels galten. Dort strichen Schakale auf der Suche nach Beute herum, die sie reichlich im Leichenfeld fanden, Seuchen bringende Wesen der Unterwelt, sie dienen dem Tod.
Nichts mehr gewahrte ich von den Palästen, den befestigten Häfen, den Schiffen, der großen Flotte, die bisher Garant unseres Wohlstands waren. Das Meer indes sah ich wütend kochen und Wellen sich hoch zu Bergen wölben. Mehrfach entkam ich nur knapp dem Tod, bis endlich unser Schiff an den Klippen dieser Insel zerschellte, die den Namen Malta trägt, was in der alten Sprache Nabel der Welt bedeutet. Einzig Haremtab und ich blieben von der Besatzung am Leben.
Wir fanden Malta verlassen vor, die Insel der hundert Tempel, und nirgends Anzeichen von Kampf. Das wundert uns sehr, denn es muss ein großes Volk gewesen sein, das am Nabel der Welt lebte, nach meiner Schätzung mehrere tausend Menschen umfassend. Allesamt sind sie weg, wie vom Erdboden verschluckt. Doch ihre Tempel, die sie mit riesigen Steinquadern erbauten, stehen unversehrt, und in den heiligen Stätten unter der Erde ruhen nur die Gebeine der Vorfahren sorgsam bestattet. Also müssen sie wohl Schiffe gebaut haben, Schilf in Massen geschnitten, viele große Boote mit Seitenrudern und Segeln. Sie verschwanden alle auf einen Schlag und ließen keinerlei Nachricht zurück. Wie sollten sie auch ahnen, dass unser Schiff an den Klippen zerschellte? Vielleicht sind sie in dem Toben des aufgewühlten Meeres entkommen. Falls nicht, dann werden Haremtab und ich wohl die letzten Menschen in weitem Umkreis sein. Eine Vorstellung, die mir Unbehagen bereitet und die ich deshalb von mir dränge. Nein, es wird, es muss Überlebende geben! An sie ist die letzte Botschaft gerichtet.
Ich kann nur über das berichten, was ich mit eigenen Augen sah und mit meinen Ohren hörte, was ich an Schrecknissen fühlte und nie mehr vergessen kann, denn es hat sich tief in mein Herz eingebrannt. Auch in meinen Träumen erlebe ich noch einmal das Unheil, so dass ich vermeide zu schlafen, obgleich ich unendlich müde bin. Das viele Wissen belastet mich schwer. Ich weiß: Mächtiger als die Götter sind die Feuer der Vulkane und die Macht des Meeres. Das haben wir schon immer geahnt und aus diesem Grunde Pyramiden gebaut. Auf den meisten Inseln im Meer der Mitte, auf Minos, Thera, am Fuße des Hermon, selbst auf den glücklichen Inseln der ewigen Jugend. In Armorika beobachteten wir von den Pyramiden aus den Himmel und die Meere und kontrollierten die Seefahrt, ebenso auf der Grünen Insel, in Dana, Wasa und Avalon. Auch am Ufer des Nils wurde, wie ich bei meinen Reisen feststellen konnte, in der südlichen Provinz von General Osiris eine Pyramide gebaut, obwohl dort weder Vulkane noch Meer sind, sondern nur endlose Wüste. Wir spähten zum nächtlichen Himmel, um Karten für die Seefahrt zu zeichnen, wir schufen einen Kalender, teilten die Zeit ein und lebten danach, wir kannten den ewigen Rhythmus der Meere, den Atem des Windes und die Unberechenbarkeit der feuerspeienden Berge. Wir wissen, wie gefährlich launisch die Natur sein kann. Aber es ist nicht die Wut der Naturelemente allein, die Atlantis zerstört und seine Trümmer in Vergessenheit sinken lässt, nicht die berstende Erde, die Feuer der Vulkane, das tobend tanzende Meer. All diese Katastrophen, so schlimm sie auch sind, betrachte ich nur als Begleitmusik einer Macht, die weitaus größer und gefährlicher ist. Die endgültige Vernichtung traf uns plötzlich und völlig unerwartet als wütender Sturm aus dem Osten. Einer gewaltigen, alles verschlingenden Flutwelle gleich schlug er in unsere Welt, riss ganze Völker mit sich und warf sie in rasende Schlachten, tausend mal tausend Reiter aus den Steppen und hinter ihnen tausendfach mehr, so dass die Erde unter den Hufen ihrer Pferde erbebte. Dieses ständig anwachsende Beben kann die Ursache sein für die Risse im Boden, das Bersten der Feuerberge, die wilden Flutwellen im Meer …
Wir wissen ja, wie Rhythmus die gesamte Natur bestimmt, speziell die Musik, wenn zum Beispiel unsere Zauberer manchmal die Trommeln schlagen, um Ewigkeit zu erzeugen. Man stelle sich dieses um ein Vielfaches stärker vor und von längerer Dauer. Unglaublich groß muss die Zahl der Menschen im Osten sein, unglaublich groß die Anzahl ihrer Pferde. Sie kamen schneller, als die Schiffe die Gefahr melden konnten, und sie kamen – womit niemand gerechnet hatte – über Land! Reitend überfielen sie das Reich, brandschatzend und plündernd fast gleichzeitig alle Länder und Städte der Atlantischen Union, und vernichteten in wildem Rasen, was das Meer in seinem Wüten bisher noch verschont hatte. Viele Pyramiden und Tempel wurden unter Erd- und Steinhaufen begraben, heilige Plätze unserer Ahnen zugeschüttet, denn alles, was später einmal an uns erinnern könnte, soll ausgelöscht werden. Was unsichtbar ist, verliert nach und nach an Bedeutung.
Bald gibt es Atlantis nicht mehr, nicht weil unsere Heere vernichtet wurden, sondern weil unsere Symbole verschwinden, unsere Tempelberge und Pyramiden, die Plätze der Kraft, die das Imperium im Bewusstsein seiner Bewohner geistig zusammenhielt. Menschen fremder Rassen werden dann in den Mauerresten unserer Städte hausen, die neue Götterfiguren über den Ruinen und Geisterorten aufstellen und anbeten. Was aber das Schlimmste ist – sie werden Menschenopfer an unseren alten, heiligen Plätzen fordern. Wie man hört, sind sie nahezu vernarrt in diese Sitte. Im Namen ihrer zornigen Götter töten sie ihre Gefangenen, manchmal, im religiösen Wahnsinn, sogar sich selbst oder symbolisch die eigenen Götter, indem sie deren Söhne und Töchter auf Erden hinmetzeln. In dieser Hinsicht ähneln sie sehr den Schakalen, denn gleich ihnen dienen auch sie dem Tod.
Wir fragen uns Beide, Haremtab und ich, Mazdanuzi, die bisher wie durch ein Wunder am Leben blieben: Welche Aufgabe haben wir in einer Welt, die dem Tode geweiht ist? Wie viel Zeit verbleibt uns noch, um im großen Buch der Geschichte ein Kapitel zu schreiben? Was kommt danach, wenn unsere Gebeine verblichen sind, die Spuren im Sande verweht, das Meer wieder ein glatter Spiegel? Wird man sich jemals an uns erinnern, wissen, dass wir einmal lebten, liebten und litten?
Nun, da über unser Schicksal entschieden ist, bleibt mir nur noch, möglichst wahrheitsgetreu zu berichten und diese Botschaft in Maltas heiligem Schoß zu versenken, an einem halbwegs sicheren Ort, wo sie aufbewahrt bleiben kann, bis eine neue, bessere Menschheit sie findet und auch versteht. Deshalb muss alles notiert werden, was von Wichtigkeit ist, damit die Welt nach uns daraus lernen kann. Für sie will ich als Gedächtnis dienen. Wer ohne Gedächtnis ist, gleicht einem Schiff ohne Kurs, treibt sinnlos durchs Leben, das ihm stets wie Nebel und Gedankenspiel erscheint. Ein solcher wird sich nie den Geheimnissen nähern, die unser Schicksal lenken.
Die Erde bebt erneut unter meinen Füßen, schon stürzen Teile der Tempelfassade ein, und Wind peitscht das brodelnde Meer. Wohin man auch blickt, ist nichts mehr sicher, kein Schiff, kein Hafen. Der Sturm heult so laut, dass ich gegen ihn anschreien muss. Haremtab hockt im schützenden Rund großer Steine, bemalt sein mit Kieseln beschwertes Papyrus. Später will er den Text im Innern eines Tonkruges bergen, den wir am Eingang des Gigantentempels fanden. Wir flohen hierher vor dem Sturm, suchten Schutz in den Mauern. Wir werden hier sitzen bleiben bis ans Ende der Zeit, so lange harren, wie unsere Kräfte ausreichen, um die Pflicht zu erfüllen.
Jetzt, da ich diese letzte Nachricht diktiere, fällt ein schmaler Strahl Sonne durchs zerborstene Tempeldach direkt auf meine nackten Füße. Es gibt sie also noch, die Sonne, ein leichter Schimmer von ihr reicht aus, um mich mit Hoffnung zu erfüllen. Solange dieses Licht noch da ist und uns wärmt, werde ich sprechen, wird mein Diener Haremtab schreiben …
Das Buch ist als eBook, Taschenbuch und Hörbuch im Buchhandel erhältlich.


























