Der zwölfjährige Aviel führt eigentlich ein ganz normales Leben. Er liebt seine Familie, spielt mit seinen Freunden im Fußballverein und interessiert sich für Geschichte. Eines Tages begegnet ihm ein sonderbares Streifenhörnchen mit magischen Seifenblasen. Als ihn eine dieser Blasen umschließt und in einen schillernden Nebel hüllt, wird Aviel durch Zeit und Raum geschickt. Er findet sich im Körper des jungen Friedrich wieder, der gerade seinen Knappenschlag erhalten soll. Im Mittelalter! Doch es soll nicht bei dieser einen Reise bleiben, denn dem kleinen Nager fallen noch allerlei Orte ein, an die es Aviel schicken möchte. Ein turbulentes und abenteuerreiches Jahr beginnt!
Sabine Houtrouw
Aviel und die Zeitblasen
Blick ins Buch
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Ein ganz besonderer Tag
Aviel packte seine Schuhe in die Tasche und zog den Reißverschluss zu. Heute war der große Tag! Das Finale des Fußballturniers, bei dem die besten Mannschaften aus Nordrhein-Westfalen gegeneinander antraten und ausgerechnet seine kleine Stadtmannschaft spielte nun das alles entscheidende Endspiel gegen ein Team aus Köln. Austragungsort war das heimische Stadion, wenn man es denn so nennen mochte. Vermutlich war es das größte Sportereignis, das hier in den letzten 20 Jahren stattgefunden hatte. Demnach war auch die lokale Presse anwesend und das Spiel wurde im Radio übertragen. Aviel war aufgeregt, aber das lag weniger am Spiel. Als Kapitän seiner Mannschaft sollte er vorher noch ein Interview geben.
Bei so einem Interview wurden immer die Standardfragen gestellt. Erstens: Was ist es für ein Gefühl, plötzlich mit den Großen zu spielen? Dämliche Frage, denn die Jungs auf dem Platz waren ja alle etwa gleich alt und die persönliche Leistung unabhängig vom Geburts- oder Wohnort. Zweitens: Was ist euer Ziel, wenn ihr an das bevorstehende Spiel denkt? Auch nicht besser. Gewinnen! Was auch sonst? Drittens: Ist der Druck für dich als Kapitän höher als für den Rest der Mannschaft? Die Liste dieser Fragen konnte noch um einige erweitert werden.
Doch es gab auch Fragen, die anders waren. Woher kommt der Name Aviel? Tja, das war der erste Moment, in dem er ausholen musste und gleichzeitig wusste, dass es die meisten Reporter gar nicht interessierte. Zudem wurde der Name oft genug falsch ausgesprochen. Richtig wäre vom Klang Aviell, mit der Betonung auf dem E und einem schnellen L. Der Name war hebräisch und bedeutete: Gott ist mein Vater. Aviel war allerdings christlich getauft und seine Eltern hießen Peter und Luise. Den Namen hatte er bekommen, weil sein Vater es im letzten Moment geschafft hatte, im Kreißsaal zu erscheinen, bevor er geboren wurde. Die Rückreise von der Ausgrabung in Israel hatte wesentlich länger gedauert, als geplant. Seine Eltern hatten beschlossen, jedem ihrer Kinder einen Namen aus dem Land zu geben, in dem ihr Vater zuletzt gearbeitet hatte. Sein großer Bruder hieß Aiden, eine verniedlichte Form des Namens des keltischen Sonnengottes. Seine kleine Schwester hatte den Namen der ägyptischen Göttin der Schöpfung bekommen und hieß Neeth. Derzeit war Aviels Mutter schwanger und sein Vater in Indien unterwegs. Also würde das neue Baby einen indischen Namen erhalten.
Prinzipiell fand Aviel die Sache mit den Namen echt cool, denn sie waren alle etwas Besonderes, aber sie passten nicht so recht zu der optischen Erscheinung, die die Leute beim Hören dieser außergewöhnlichen Namen erwarteten. Alle Geschwister hatten hellblonde Haare und grüne Augen. Neeths Gesicht war übersäht mit feinen Sommersprossen, diese hatte Aviel zum Glück nicht. Laut seiner Oma hatte er die großen Augen und die vollen Lippen seiner Mutter und das markante Kinn seines Vaters. Zudem lächelte er fast ständig. Nicht, dass das Leben immer zum Lachen wäre. Er fand jedoch nichts schlimmer als hängende Mundwinkel. Bei manchen Leuten sah es so aus, als müsste man sie auf den Kopf stellen, damit sie lächelten. Zudem kam man lachend einfacher durchs Leben und manchmal konnte er andere damit anstecken. Aviel war für sein Alter groß gewachsen, recht muskulös und trotzdem wendig. Damit war er der ideale Torwart. Den Posten als Kapitän hatte er wegen seiner Art bekommen, das Team auf dem Platz zu motivieren. Egal, ob sie in Führung lagen oder nicht: Er wusste, wie er jeden Einzelnen neu antreiben konnte. Das machte doch eine Mannschaft aus! Jeden für das loben und anerkennen, was er zum Spiel beitragen konnte. Genau damit hatten sie es geschafft, im Turnier so weit zu kommen. Sie ließen sich nicht ins Bockshorn jagen, nur weil die Gegner aus großen Städten kamen. Dem Gewinner des Turniers winkte eine Woche Mannschaftstraining bei einem ehemaligen Trainer der Bundesliga. Das war der Traum eines jeden Jungen, der bei diesem Event mitmachte und eine Möglichkeit, von einem Talentcoach entdeckt zu werden. Aviels Mannschaft war nur noch einen Sieg von diesem Traum entfernt und damit wäre auch die letzte Frage im Interview klar: Ist es dein Ziel, ein berühmter Torhüter zu werden? Vielleicht einmal in der Reihe der Großen zu stehen? Oliver Kahn, Jens Lehmann, Manuel Neuer und dann Aviel Mertens? Ist es das, was du anstrebst? Die ehrliche Antwort wäre: Nein.
Die wenigsten 12-Jährigen wussten genau, was sie werden wollten, aber Aviel schwankte nur noch zwischen zwei Berufen: Entweder würde er ein Archäologe werden wie sein Vater oder Schriftsteller. Er liebte die Geschichten, die sein Vater erzählte, wenn er von seinen Reisen zurückkam. Es gab kaum etwas Schöneres als die Zeiten, in denen die ganze Familie zusammensaß und seinen Erzählungen lauschte. Aviel hatte ihn schon oft gefragt, ob er nicht ein Buch schreiben wolle, über alles, was er erlebt hatte. Jedes Mal schüttelte sein Vater den Kopf und meinte: »Aviel, jeder Stein, jede Scherbe und jeder Knochen, den ich finde, erzählt seine eigene Geschichte. Ich bin gesegnet, dass ich sie hören darf, dass ich sie erleben darf. Wer wäre ich, würde ich sie in schlechter Qualität zwischen zwei Buchrücken packen?« Damit war für ihn die Sache erledigt, aber Aviel sah das anders. In seinen Augen war es eine Verschwendung, sie nicht niederzuschreiben. Wenn er selbst Schriftsteller sein würde, dann könnte er jedes Wort für die Nachwelt erhalten, aber es wären immer die Geschichten aus zweiter Hand. Wie war es wohl, eine Mumie zu untersuchen und ihre Vergangenheit selbst zu ergründen? Sein Vater arbeitete für ein großes Museum, wodurch er zu verschiedenen Ausgrabungsorten reisen konnte, um die Arbeiten vor Ort in Augenschein zu nehmen. Irland, Amerika, Ägypten, Israel und jetzt Indien. Er hatte so viele Orte bereist und seinen Kindern unzählige Bilder mitgebracht. Das war aber nicht das Gleiche! In seinen Träumen war auch Aviel an all diesen Orten gewesen. Irgendwann wollte er sie mit eigenen Augen sehen und vielleicht eigene große Entdeckungen machen.
So viel Spaß er auch am Fußball spielen hatte, er würde nicht sein Leben lang darauf warten, einen Ball im richtigen Moment abwehren zu können. Das war die Wahrheit, doch für das Interview wäre es angebrachter, die Frage mit einem knappen Ja zu beantworten. Er griff nach seiner Sporttasche und seufzte. »Ich bin dann mal los!«, rief er in Richtung Küche, aus der einen Moment später seine Mutter erschien.
»Bist du wirklich sicher, dass ich dich nicht begleiten soll? Es ist doch so ein wichtiges Spiel.« Das schlechte Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Allerdings hatte sie bei der letzten Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten. Ihr Arzt riet daher dringend von allem ab, was sie zu sehr anstrengen würde. Das dichte Gedränge im Fußballstadion wäre definitiv nicht das Richtige, auch wenn Aviel sie gerne dabei gehabt hätte.
»Nein, Mama, lass mal besser. Aiden holt Neeth vom Ballett ab und sie kommen zum Anfeuern. Wir werden dir später alles haarklein erzählen. Ruh dich aus und genieß einen sturmfreien Nachmittag.«
»Und du hältst deinen Kasten sauber! Versprochen?« Aviel schmunzelte, weil seine Mutter liebend gerne die Formulierungen übernahm, die sie von den Fußballkommentatoren im Fernsehen hörte. Er stellte seine Tasche noch mal kurz ab und gab seiner Mutter einen dicken Kuss auf die Wange.
»Versprochen!« Dann war es höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen.


























