Antje Haugg: Notenspur in Moll

Im Dammwäldchen in der Bayreuther Innenstadt wird die Leiche der Jurastudentin Tina gefunden. Schnell stellt sich heraus: Sie wurde ermordet, und sie führte offenbar ein Doppelleben. Was jedoch hat das geheimnisvolle uralte Papierstückchen, das bei der Leiche gefunden wurde, mit Tinas Tod zu tun? Ist etwas dran an dem Plagiatsgerücht um die Sonate Albert Zweisteins? Und wer ist der ominöse Phil Kill, der unter diesem Namen auf Facebook herumgeistert?

Wie gewaltbereit ist Tinas Freundin MCM wirklich? So viele Ungereimtheiten, so viele scheinbar unzusammenhängende Bekanntschaften.Ihre Ermittlungen führen KHK Doris Lech und ihre Assistentin Lotte in Naturschutzgebieten und Anwaltskanzleien, in der internationalen Modebranche und sogar am Grünen Hügel – es gibt mehr Verdächtige, als ihnen lieb ist. Aber welcher ist tatsächlich der Mörder? Und gibt es eine Verbindung zum Selbstmord einer Schülerin des Richard-Wagner-Gymnasiums vor 100 Jahren?

Der RWG-Krimi entstand in enger Zusammenarbeit mit dem P-Seminar Theater des Richard-Wagner-Gymnasiums Bayreuth und natürlich der Seminarleiterin Angelika Guder-Späth.



Antje Haugg

Blick ins Buch

© Elvea 2017 | Alle Rechte vorbehalten!


Prolog

Das Mädchen saß am Klavier, völlig selbstvergessen spielte sie. Tauchte ein in die Musik, wurde Teil der Sonate, erfüllte den Raum mit mystischem Leben. Weite Passagen spielte sie bereits auswendig, nur ab und zu noch ein schneller Blick auf die Noten. Die Melodie, die Kritiker in Kürze mit ›genialer als Liszt und Wagner – ein neuer Stern ist am Bayreuther Musikhimmel aufgegangen‹ beschreiben würden, erklang nur für das Mädchen. Kein Zuhörer, dem es erlaubt gewesen wäre, diese schweren, vollen Akkorde zu genießen. Kein Lehrer, der fasziniert den Klängen seiner Schülerin gelauscht hätte. Nein, sie spielte nur für sich. Tränen liefen über ihr Gesicht, Tränen heißer und wehmütiger Trauer um ihren Vater. Diese Noten waren das, was er ihr anvertraut und vermacht hatte. Diese Musik war sein Vermächtnis an sie.

Abgelenkt durch einen flüchtigen Schatten blickte sie kurz hoch und zu dem ebenerdigen Souterrainfenster hinüber. Für einen Augenblick, der sich auf magische Weise endlos ausdehnte, schaute sie direkt in diese stahlblauen Augen, die sie zu fressen schienen und in denen sie gleichzeitig zu ertrinken drohte. Dann löste sich der Bann, sie zuckte zusammen, und der Mann am Fenster ebenso. Das Gesicht verschwand so plötzlich, wie sie es erblickt hatte.

Ihr Herz schlug mit einem Male laut und schwer. Grauen erfüllte sie, und die Worte ihrer Mutter klangen in ihren Ohren, als wäre der Streit zwischen ihren Eltern erst gestern gewesen: »Deine verfluchten Noten werden noch Unglück über unsere ganze Familie bringen!«

Verwirrt und verängstigt, mit fahrigen Bewegungen, raffte sie die Notenblätter zu einem unordentlichen Stoß zusammen, drückte sie an ihre Brust und stand auf. Es würde am besten sein, jetzt zu gehen.

Wieder ein Schatten, diesmal am Fenster ganz hinten. Er kam hierher! Er lief um das Gebäude herum!

Von Panik gepackt drehte sie sich um und lief aus dem Musiksaal. Die einzige unversperrte Tür nach draußen würde sie direkt in seine Arme führen. Hektisch blickte sie sich um – der Kohlenkeller! Sie lief nach links, durch die offene Tür, die sie schnell und leise hinter sich zuzog. Vor ihr der lange dunkle Kellergang, nach links zweigte der Kohlenkeller ab, den sie nur kurz beachtete. Geradeaus das schwere alte Holztor. Sie wusste, dass es sich von innen verriegeln ließ. Zitternd lief sie darauf zu, schlüpfte hindurch auf die andere, die sichere Seite. Suchte mit fahrigen Bewegungen im Halbdunkel nach dem Riegel, schob ihn nach rechts. Ließ erleichtert los. Doch mit leisem Knarren schwang das Tor ein paar Zentimeter auf. Jetzt, da ihre Augen sich an die Dämmerung gewöhnt hatten, sah sie warum: Die Öse des Riegels war aus der Wand gebrochen, der Putz abgebröckelt, der zugeschobene Riegel fand keinen Halt. Ohne nachzudenken eilte das Mädchen los, immer weiter, bis eine kalte Mauer ihren panischen Lauf unsanft abbremste. Sie schüttelte in einem kurzen Reflex ihren brummenden Kopf, sah sich um, erkannte, wo sie war. Links ging es weiter, noch ein paar Meter, dann durch eine Tür nach oben ins Schulgebäude. Sie suchte gar nicht erst nach einen Schlüssel. Sie wusste, dass hier nie einer steckte. Kurz und angespannt lauschte sie, ob er ihr wohl folgte. Als sie nichts hörte, beruhigte sie sich ein wenig, nahm sich die Zeit nachzudenken.

Dann huschte sie lautlos und erleichtert die kalten Steintreppen nach oben, auf die Holztreppe, die in den Dachboden führte. Dort konnte sie sich verstecken, dort würde sie sicher sein …

Sie war nicht eingeschlafen in ihrem Versteck zwischen den alten Möbeln und Vorhängen. Nein, sie hatte höchstens ihre Erschöpfung gefühlt beim langen Warten. Es wurde schon dunkel draußen. Irgendwann würde sie gesucht werden, da war sie sich sicher. Und dann wäre sie außer Gefahr.

Leises Knarren brachte ihre Panik zurück. Sie hielt den Atem an, betete verzweifelt darum, sich das nur eingebildet zu haben. Vergeblich – erneutes Knarren auf der Holztreppe. Er kam herauf! Er wusste, dass sie hier war. Das Unglück kam über ihre Familie.

Es blieb ihr nur noch eine einzige Möglichkeit – der Turm! Die Notenblätter eng an ihre Brust gepresst huschte sie zu der Tür, hinter der eine steile Hühnerleiter hinauf in den Uhrenturm führte. Wild entschlossen kletterte sie hoch – er würde die Tür nicht finden. Er würde die Leiter nicht finden. Er würde gar nicht daran denken, dass hier noch ein Turm war.

Sie irrte sich.

Er redete in ganz normalem, leichten Plauderton, aber jedes Wort jagte ihr eine neue Gänsehaut über den Nacken.

»Margarethe, komm doch her zu mir. Ich bringe dich nach Hause. Und vorher spielst du mir noch einmal das schöne Stück vor, das ich bis nach draußen gehört habe. Nun komm schon, Mädelchen. Du kennst mich doch. Sieh nur, es wird schon dunkel. Die Leute werden reden, wenn du nicht bald nach Hause kommst. Du willst doch sicher kein Gerede. Hat deine arme Mutter nicht genug Sorgen? Komm her, ich bringe dich sicher nach Hause.«

Mit schreckgeweiteten Augen sah sie umher – sie saß in der Falle. Kein Weg nach draußen.

Wirklich kein Weg? Das Kippfenster. Sie war klein und zierlich für ihr Alter, sie könnte sich hindurch quetschen und auf das Dach klettern. Dorthin würde er ihr nicht folgen können, er war zu groß.

In ihrer Not vergaß sie ihre Höhenangst, die sie normalerweise schon in der zweiten Etage zurückschrecken ließ, wenn sie aus dem Fenster sah. Mit fliegenden Fingern drückte sie den Fensterriegel auf, kippte das Fenster und schlüpfte kopfüber hinaus.

Sie schrie laut auf, als sie den harten Griff um ihre Fußknöchel spürte. Sie war zu langsam gewesen. Er hatte sie eingeholt. Er würde sie zurückziehen in den Turm und dann …

Wieder irrte sie. Doch die Zeit zwischen dem heftigen Stoß und dem harten Aufprall auf dem gepflasterten Schulhof reichte nicht wirklich aus, um diesen Irrtum zu erkennen.

Das Mädchen lag sterbend in der Dunkelheit.

Einige Notenblätter flatterten unschlüssig umher, bis der mit den stahlblauen Augen kam und sie einsammelte. Schließlich zog er auch das letzte Blatt aus der Hand des Mädchens, das diese im Todeskampf noch krampfhaft umklammerte. »Warum hast du nur nicht auf mich gehört? Mädchen in deinem Alter haben in der Dunkelheit nichts draußen verloren. Das weißt du doch. Du hättest dich von mir heimbringen lassen sollen. Wirklich.«

Wieder dieser Plauderton, der diesmal durch ein anschwellendes Rauschen in ihren Verstand sickerte.

Er betrachtete das Mädchen interessiert, den dünnen Blutfaden, der aus ihrer Nase rann und sich auf der Wange mit dem dickeren Blutfaden aus ihrem Mundwinkel vereinte. Die zuckenden Augenlider, unter denen die Augäpfel immer wieder wegrollten, sodass man nur das Weiße sah. Die seltsam verdrehten Gliedmaßen, durch zahlreiche Knochenbrüche zu einem skurrilen Kunstwerk verformt.

Schließlich wurde ihr Blick für einen kurzen Moment klar – sie starrte ihn an, anklagend, schmerzerfüllt, voll Unverständnis. Tauchte ein in das Stahlblau seiner Augen.


Gegenwart

Doris Lech starrte auf den Nordbayerischen Kurier, der ausgebreitet vor ihr auf dem Küchentisch lag. Sie war von einer seltsamen Mischung aus Ungläubigkeit und Frustration erfüllt und schlug schließlich mit der flachen Hand auf die aufgeschlagene Doppelseite mit den Veranstaltungshinweisen. Was ihr da entgegen grinste, frisch gedruckt mit abfärbendem Schwarz auf dünnem Weiß, das war mehr als eine Frechheit, zumindest in Doris‘ Augen. Es war – einfach nichts.

Michaeli-Kerwa in Weidenberg, Tattoomesse in Bindlach. Bayreuther Autoherbst in der Fußgänger­zone. Ein Kinderkonzert vom Spatzenchor. Am Sonntag eine Führung durch den ökologisch-botanischen Garten, unter dem Motto ›Herbst im ÖBG‹. Eine vermutlich mehr als laienhafte Theatervorstellung der ›Bühnensprinter‹, eines nichtssagenden Sportvereins, mit dem Titel ›Es fallen die Blätter und die Leichen‹. Bayreuther Wochenmarkt in der renovierten Rotmainhalle am Samstag von 7 bis 13 Uhr. Und im Rotmaincenter eine Sonderausstellung zum Thema ›unsere Jüngsten malen mit Fingerfarben‹.

Nichts, aber auch überhaupt nichts von all den Dingen, die Doris spontan eingefallen waren, als sie vor einem halben Jahr diese verhängnisvolle Stellenausschreibung gelesen hatte. Bayreuth – Wagner, Liszt: Musikhimmel pur, wohin man hörte, wie man sich drehte. Das hatte sie gedacht. Kultur pur.

Sie hatte eine Lohengrin-CD eingelegt und ihre Bewerbung geschrieben, ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken, ohne zu recherchieren. Und sie war eingestellt worden.

Hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, ohne mit der Wimper zu zucken. Köln – passé. Lange genug war sie wieder und wieder übergangen worden, wenn Beförderungen anstanden. Lange genug war sie von ihren Vorgesetzten mit Nichtachtung gestraft, von den Kollegen schief angeschaut worden. Genau genommen, seit sie zu tief in ein Wespennest in der Baubehörde gestochert hatte. Vielleicht hätte sie auf ihren Chef hören sollen, als der damals zu ihr sagte: »Frau Lech, lassen Sie es einfach bleiben. Es gibt Dinge, die Sie nicht aufrühren sollten. Im Interesse der Öffentlichkeit und in Ihrem eigenen.« Eine flammende Rede hatte sie ihm damals gehalten über das Interesse der Öffentlichkeit und was sie dem schuldig war. Und hatte angefangen, die Dinge aufzurühren, die er unangetastet sehen wollte.

Sie war nicht weit gekommen. Es gab Leute, die am längeren Hebel saßen und das auch gnadenlos ausnutzten. Und von da an hatte sie in Köln kein Land mehr gesehen.

Bayreuth – das klang für sie als Liebhaberin der Wagner-Opern wie das Paradies schlechthin. Und aus diesem Grund hatte sie sich um diesen Job beworben ohne groß zu recherchieren, ohne sich zu informieren. Was für sie total untypisch war. Doris Lech war bekannt als die kühle Denkerin, die abgeklärte logische Ermittlerin. Diese Doris hätte sich vorab erkundigt, was denn in Bayreuth los war, wenn der letzte Vorhang der Saison gefallen war am Grünen Hügel. In den elf Monaten, in denen das Wort Weltstadt hier keine Bedeutung hatte.

Kurzum – ihr Umzug Anfang September war zur denkbar ungünstigsten Zeit erfolgt. Wagner hatte aus­gedient für dieses Jahr, alle schienen sich erst einmal erholen zu wollen von der Überdosis Kultur der letzten vier Wochen. Nichts war geblieben von den Klängen der Mitwirkenden des Jugendfestspieltreffs, die im Sommer die Fußgängerzone erfüllt hatten. Nichts von dem internationalen Flair, der sich jeden Sommer, ausgehend vom Grünen Hügel, über die Stadt legte wie ein bunter Schleier. Die Gehsteige wurden wieder hochgeklappt, die Kulturstadt verfiel in den alljährlichen Dornröschenschlaf.

Doris Lech hätte am liebsten losgeheult. Diese Seite mit den jämmerlichen Veranstaltungshinweisen machte ihr klar, wie dämlich sie war. Ihr Chef hatte Recht gehabt, damals schon, als er sie weltfremd genannt hatte. So, als hätte er bereits da geahnt, zu welchen Dummheiten sie sich noch würde hinreißen lassen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Wütend griff sie nach der Kaffeetasse und nahm einen hastigen Schluck. Prompt verbrühte sie sich die Zunge, was ihr wie ein Sinnbild ihrer verkorksten Existenz erschien.

Hals über Kopf alles aufgegeben. Ihren Job, der auch ohne Beförderungen zumindest sicher gewesen war, die großzügige Wohnung mit Rheinblick in der Stadtvilla ihrer Eltern, ihren Freundeskreis, ihre Beziehung, die Vielfalt der Veranstaltungen.

Doris atmete tief durch, blätterte im Kurier und trank einen weiteren Schluck Kaffee, diesmal vorsich­tiger und bewusster.

Nein, es war die richtige Entscheidung gewesen. Das musste sie sich nur ab und zu bewusst vor Augen halten. Wenn sie ehrlich war – und das fiel ihr leichter, wenn sie diesen Veranstaltungskalender nicht vor Augen hatte -, dann war ihr Job in den letzten Jahren mehr als mies gewesen. Die wirklich interessanten Fälle waren nicht mehr Doris zugeteilt worden, sondern ihren Kollegen. Sie war zwar Kriminalhauptkommissarin, aber ihre letzten Beurteilungen waren durchweg negativ gewesen, was nicht an ihrer Arbeit lag, wie sie genau wusste. Es lag daran, dass sie damals weitergegraben hatte in Ding­en, die sie nichts angingen. Zumindest nach Ansicht ihres Chefs.

Die Wohnung war in Wirklichkeit viel zu groß für sie allein gewesen, darüber konnte auch der Rheinblick nicht hinwegtäuschen. Peter hatte nie auch nur ansatzweise daran gedacht, dort einzuziehen. Eigentlich hatte er nie an eine ernsthafte Beziehung gedacht. Und sie hatte das nur nicht wahrhaben wollen. Jetzt war sie 37 Jahre alt, hatte sieben Jahre damit verbracht, auf einen Heiratsantrag zu warten, der nie gekommen war. Nicht einmal eine gemeinsame Wohnung hatte Peter gewollt. Und auch das lag mit Sicherheit zumindest teilweise an dieser unsäglichen Geschichte. Als Stararchitekt konnte man schlecht mit einer Begleiterin auftreten, die der Baubehörde ans Bein gepinkelt hatte. Gelegentliche ge­meinsame Nächte, zu mehr hatte es nicht gereicht. Mehr Wir-Gefühl war da nicht gewesen.

Von ihrer Familie, ihren Eltern waren immer nur sanft verhüllte Vorwürfe gekommen. Zuerst darüber, dass sie ihr Architekturstudium abgebrochen hatte und stattdessen zur Kripo gegangen war. Doris Lech, Tochter des stadtbekannten Bauunternehmers, alteingesessener Kölner Geldadel – wie konnte sie nur? Dann darüber, dass sie es nicht geschafft hatte, Peter an sich zu binden. Das wäre die Wiedergutmachung gewesen, die ihre Eltern sich erhofft hatten. Ein prominenter Name, ein erfolgreicher Schwiegersohn – wieder nichts. Damit eng verbunden die Nachwuchsfrage. Doris als einzige Tochter, die ganze Hoffnung der Familie. Kinder hätte sie gebären sollen, um den Namen fortzutragen in eine weit entfernte, unbekannte Zukunft hinein. Und was hatte sie gemacht? Einfach nichts. Was jetzt wirklich nicht ihre Schuld gewesen war. Es hatte durchaus eine Zeit gegeben, in der Doris nichts lieber getan hätte als eine Familie mit Peter zu gründen. Er war es gewesen, der das abgeblockt hatte. Vielleicht hätte sie ihm viel früher den Laufpass geben und sich jemand anderen suchen sollen. Aber wie, wenn das Herz nicht mitspielte?

Ach, und die Veranstaltungen. Die hatte sie gar nicht so häufig besucht, dass sie ins Gewicht fallen würden. Wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte es sie eher gelangweilt oder genervt, immerzu dieselben Leute auf denselben Konzerten, und immer war sie die gebrandmarkte Außenseiterin gewesen. Außerdem war ihr Freundeskreis drastisch geschrumpft in den letzten Jahren. Sie war kein Enfant terrible, sie war einfach eine Nestbeschmutzerin in den Augen vieler Bekannter.

Nein, es war schon richtig gewesen, Köln den Rücken zuzuwenden. Daran änderte auch dieser dürftige Veranstaltungskalender im NK nichts. Es würden andere Zeiten kommen. Ihre Assistentin Lotte Kerner hatte einiges aufgezählt, worauf Doris sich freuen konnte. Jazznovember, Konzerte im Reichshof, Osterfestival, Studiobühne. Auch wenn die Stadthalle durch die Generalsanierung noch für längere Zeit als Spielstätte ausfallen würde, warteten doch einige interessante Aufführungen auf Doris. Nur eben nicht heute oder morgen. Was diesen Trost schal schmecken ließ.

Doris starrte durch das kleine Küchenfenster nach draußen. Viel war nicht zu erkennen im Nebelgrau die­ses frühen Samstagmorgens. Und viel mehr würde ihr dieses Wochenende auch nicht zu bieten haben, da biss die Maus kein Fädchen ab. Sie trank noch einen letzten Schluck ihres lauwarmen, ebenfalls schal schmeckenden Kaffees, raffte die Zeitung zusammen und zog ernsthaft in Erwägung, ihrer Vermieterin einen Besuch abzu­statten. Vielleicht hatte Frau König ja einen brauchbaren Vorschlag, was die Wochenendgestaltung betraf. Und nachdem sie im gleichen Haus wohnte, war das ja keine Weltreise. Andererseits – mit zwei Kindern, dem zehn­jährigen Jonas und der sechs Jahre älteren, mitten in der Pubertät steckenden Lena, hatte Frau König vermutlich eine ganz andere Vorstellung von gelungener Freizeit­gestaltung als sie selbst. Mit einem leisen Seufzer griff Doris nach ihrem Handy und schrieb eine Nachricht an Lotte, in der festen Gewissheit, dass die nicht vor halb zwölf antworten würde, weil sie garantiert gestern Abend unterwegs gewesen war. Danach machte sie sich stadtfertig und stattete dem Wochenmarkt einen Besuch ab. Dort fing noch der frühe Vogel den Wurm. So erwischte Doris eines der begehrten Buchauer Holz­ofenbrote und ein Pfund der letzten geschmacks­intensiven Campari-Eigenanbautomaten der Gärtnerei Gräbner. Langschläfer wie Lotte verpassten da so einiges an Genuss. Mit etwas besserer Laune und ihrer Beute im Weidenkorb schlenderte Doris anschließend durchs Rotmaincenter und sah sich nach einem neuen Mantel um. Die triste Farbgebung der neuen Kollektion war durchaus geeignet, Depressionen zu wecken. Schließlich entdeckte sie ein mausgraues Mäntelchen, das wenigstens pfiffig geschnitten war, und nahm es kurzentschlossen mit. Dann noch ein kurzer Blick auf die wesentlich farbenprächtigere Ausstellung. Die Werke der kleinen Künstler standen doch tatsächlich zum Verkauf! Irritiert schaute Doris genauer hin. Ja, die Bilder konnten erworben werden, zugunsten des SOS-Kinderdorfes Immenreuth. Vermutlich waren es zu 90 Prozent Eltern und Großeltern, die das Projekt finan­zierten. Mit einem Mal bekam Doris ein wehmütiges Gefühl, kombiniert mit schlechtem Gewissen darüber, dass sie beinahe achtlos vorbeigegangen wäre. Sie be­gutachtete Bild für Bild. Fast 200 Euro hatte sie gerade für ihren Mantel ausgegeben – wofür eigentlich? Nur weil ihr alter schon drei Jahre auf dem Buckel hatte? Sie starrte auf die Einkaufstasche, dann drehte sie kurz­entschlossen um und trug den Mantel zurück in das Geschäft. Wenig später stand sie wieder vor den Bildern. Nach kurzem Zögern entschied sie sich für das Werk der kleinen Miriam, das wohl eine explodierende Blumenwiese darstellen sollte oder vielleicht auch ein Feuerwerk bei Tag – es hatte leider keinen Titel und ließ daher viel Raum für Interpretationen. Das Mantelgeld wanderte in die Kasse des Kinderdorfs, und Doris klemmte sich das Kunstwerk unter den Arm. Zuhause angekommen hängte sie den Spitzweg-Druck ab, der nach Frau Königs Ansicht die möblierte Wohnung perfekt abrundete. Stattdessen kam der Neukauf an die Wand, Doris beschriftete einen großen weißen Auf­kleber mit dem Text ›Weltuntergang in Es-Dur‹ und klebte diesen in die untere rechte Ecke. Zufrieden grin­send trat sie einen Schritt zurück und begutachtete das Werk. Perfekt! Das war genau die Portion Sarkasmus, die zu ihrer Stimmung passte. Sie machte sich noch einen Kaffee, bestrich zwei Scheiben ihres Buchauer Brotes mit ebenfalls am Wochenmarkt gekaufter Butter, schnitt sich drei Tomaten auf und salzte sie. Doch, Bayreuth hatte durchaus seine guten Seiten, auch abseits des Festspielhügels. Doris angelte ihr Handy aus der Jackentasche und sah nach, ob Lotte ihr schon geant­wortet hatte. Tatsächlich war ihre Assistentin mittler­weile aufgewacht und hatte den ultimativen Veranstal­tungstipp:

Staudenbörse in Emtmannsberg heute ab 14 Uhr – Kaffee und Kuchen, Pflanzentausch und die definitiv weltbeste Biskuitrolle mit Bananen. Ich bin auf alle Fälle dort.

Die Kommissarin starrte auf den Text. Sie hätte gerne angenommen, dass Lotte einen Scherz machte. Aber daran glaubte sie nicht wirklich. Lotte würde tat­sächlich dort sein, und sie würde mit Feuereifer mit­mischen. Vor zwei Wochen erst war sie auf den dring­enden Rat ihrer Assistentin zum Emtmannsberger Knoblauchfest gegangen, und auch da war Lotte mitten im Zentrum des Geschehens herum gesaust. Hatte mit Begeisterung bedient, hatte Doris mit halb Emtmanns­berg bekannt gemacht und ihr eine Auswahl an zuge­geben sehr leckeren Knoblauchspezialitäten auf den Teller gepackt.

Staudenbörse. Warum eigentlich nicht? Vielleicht gab es dort auch Zimmerpflanzen, ihre Wohnung war schrecklich kahl und konnte ein wenig Grün vertragen. Und mit etwas Glück kam die Sonne später durch, und dann konnte die 20°-Marke noch einmal geknackt werden – zumindest verkündete die Mainwelle-Mode­ratorin Nina Blindzellner das voller Optimismus auf der ›Maawelln‹.

Doris Lech suchte sich ein Outfit heraus, das ihrer Meinung nach zu einer Staudenbörse passte, zog sich Jeans und Poloshirt an, darüber ihre hellbraune Leder­jacke. Gartenschuhe besaß sie nicht, also entschied sie sich nach kurzem Zögern für hellbraune Stiefeletten, mit deren Absätzen sie garantiert in jedem Garten stecken bleiben würde. Ihr verhängnisvoller Tick, durch hohe Absätze größer wirken zu wollen als sie tatsächlich war, war heute eher kontraproduktiv. Wobei Doris mit ihren 1,67 problemlos die Auswahlkriterien der Landespolizei erfüllte. Aber die Jahre mit Peter hatten sie geprägt, neben dem gutaussehenden Hünen war sie nie wirklich aufgefallen – woran auch die Absätze nicht viel geändert hatten. Sinnend starrte sie auf ihren Schuhschrank. Kein einziges straßentaugliches Paar Turnschuhe. Auch etwas, was sie wohl ändern sollte. Aber das hatte Zeit bis zum nächsten Samstag …


Das Buch ist als eBook und Taschenbuch im Buchhandel erhältlich.


Seite teilen: