Historischer Gesellschaftsroman zum 80-jährigen Jubiläum der Hannover Messe Hannover 1947.
Die Stadt liegt in Trümmern. Hunger, Schwarzmarktgeschäfte und Kälte prägen den Alltag.
Doch die britische Besatzungsmacht hat große Pläne: Eine Export-Ausstellung soll mitten im Chaos den Aufbruch in eine bessere Zukunft ermöglichen.
Die eigenwillige Elsa Jacob-Breuer, Jahrgang 1871, hat ihre Werkstätten für feine Holzverarbeitung in Hannover-Linden erfolgreich durch zwei Weltkriege geführt. Sie erkennt sofort die einmaligen Chancen, die eine Messe bietet. In einer Männerdomäne und unter widrigsten Bedingungen baut sie gemeinsam mit Tochter und Enkelin Messestände und präsentiert einen eigenen Stand.
Womöglich ist es der Götterbote Hermes, Schutzpatron der Export-Messe, der Bewegung in das Liebesleben der Jacobschen Frauen bringt – er ist jedoch nicht immer so treffsicher, wie sein Kollege Apoll…
Die erste Export-Schau und die folgenden Messen werden ein großer Erfolg.
Zwei spezielle Besucher tauchen überraschend auf: Ein nach Palästina ausgewanderter Blutsverwandter sowie aus Argentinien ein skrupelloser Schurke. Es kommt zu dramatischen Ereignissen.
Mit großer Detailfülle und packendem Stil lässt Barbara Schlüter das zerstörte, aber couragierte Hannover jener Jahre lebendig werden. Sie erzählt faktenreich und mitreißend vom Neubeginn einer Stadt und vom Aufbruch in das deutsche Wirtschaftswunder.
Blick ins Buch
Dieser Roman führt die historischen Gesellschaftsromane um 1890 Vergiftete Liebe, Verheimlichte Liebe, Gerächter Zorn, Verschaukelte Liebe und Verschacherte Leben nicht direkt fort, sondern mit einem Zeitsprung von ca. 50 Jahren. Er ist aber wie diese in sich abgeschlossen. Sie können daher in jede dieser Zeitreisen unabhängig voneinander einsteigen …
Wenn Sie eine chronologische Entstehungsgeschichte bevorzugen und die Entwicklung der Hauptpersonen mitverfolgen möchten, empfehle ich Ihnen zu beginnen mit meinem Beitrag ›Ein eiskaltes Händchen‹ in der Anthologie Tod unterm Schwanz (Gmeiner Verlag) zur leider ausgefallenen Criminale 2020 in Hannover, die 2024 nachgeholt wurde.
Um dann mit ›Wenn der Kaiser kommt, ist Feiertag‹ (Hannover 1889) fortzufahren. Das ist eine meiner fünf Erzählungen in Ausgerechnet zum Feiertag – historische Mord(s)geschichten.
Vorbemerkung
Wer hätte in der zertrümmerten Stadt Hannover 1947 geglaubt, dass hier die Grundlage für eine Weltmesse entstehen würde?
Die Hannover Messe hat bis heute Bestand und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Den Gründern und Erbauern dieser Messe, die unter widrigsten Rahmenbedingungen förmlich aus dem Boden gestampft wurde, ist dieser Roman gewidmet.
Die Frauen und Männer, die das vollbrachten, verdienen Hochachtung und großen Respekt …
Hannover und La Palma im Juli 2026
…
1946 Anfang Dezember
Hannover: Im Flügel der Jacobschen Villa auf dem Lindener Berg
Ein Familiengespräch über Aktuelles und Vergangenes
Im 1894 errichteten Anbau hatten sich Emilie, ihre Zwillingsschwester Elsa, deren Tochter Elisabeth und Elsas Enkelin Dora um den großen Kachelofen versammelt.
Dora sagte: »So können wir es, mit zwei Pullovern übereinander und warmen Wollsocken, doch noch einigermaßen aushalten. Damit geht es uns wesentlich besser, als vielen anderen Hannoveranern, die noch in Kellergelassen und teilweise zerstörten Wohnungen bibbern müssen. Bei denen friert sogar der Nachttopf ein! Was an Kohle und Holz zugeteilt wird, reicht bei Weitem nicht.«
Es war in der Tat bitterkalt – der zweite extrem harte Winter nach Kriegsende. Hannover war so zerstört gewesen, dass Zweifel geäußert worden waren, ob man es überhaupt wieder aufbauen könne. Ein britischer Kriegsberichterstatter hatte geschildert, dass die Stadt bei Kriegsende abweisender und wüster aussah, als jede andere im besetzten Deutschland. Weite Teile des Zentrums lagen in Trümmern, jede zweite Wohnung war schwer beschädigt. Nur noch 217.000 Menschen hausten in den Ruinen.
Inzwischen wurde Trümmerschutt geräumt. In Kellern sowie halb zerstörten Gebäuden waren Provisorien entstanden. Es waren nicht nur die Ausgebombten unbehaust, sondern auch die vielen Flüchtlinge, die in Hannover landeten. Als ob das alles nicht reichen würde, hatte im Februar 1946 ein Leinehochwasser die Stadt teilweise meterhoch unter Wasser gesetzt. Erste Hoffnungsschimmer am Horizont, wie Hunger und Wohnungsnot behoben werden sollten, sah Elsa jedoch nicht, sie fühlte sich oft mutlos.
Immerhin hatte sie schon vor Jahrzehnten einen Kachelofen einbauen lassen, »Es mangelt uns schließlich nicht an Holz«, hatte sie bereits im 1. Weltkrieg erklärt. In der Möbelfabrik in der Davenstedter Straße wurden fortan in einem großen Gelass Holzreste gelagert und getrocknet.
»Wie gut, Großmama, dass du diesen Kachelofen hast einbauen lassen, der hier im Flügel der Damen und in den angrenzenden Räumen durch Luftschächte für Wärme sorgt.« Dora strahlte ihre Großmutter Elsa an, die sie sehr verehrte.
»Nicht nur das! Meine liebe Schwester hat in unseren Werkstätten für feinste Holzverarbeitung schon immer Brennholz gehortet. Aber seit Beginn des 2. Weltkrieges war sie da hinter her wie ein Biber, der einen großen Deich bauen will!« Emilie lächelte Elsa zärtlich an. »Ich gebe zu, dass ich manchmal etwas gelästert habe, aber es rettet uns jetzt! Wir sind nicht gezwungen, Holz von den Trümmergrundstücken zusammenzuklauben oder in der Eilenriede zu sammeln, wo es eh kaum noch was gibt.«
Dora nickte. »Unser Stadtwald ist geradezu leergefegt, da haben selbst Büsche und Bäume dran glauben müssen. Wir brauchen jedenfalls nicht nachts raus, um heimlich Kohlen zu fringsen, worüber ich sehr froh bin!«
Emilies Gesicht war ein einziges Fragezeichen »Fringsen?«
»Kohle klauen auf den Güterbahnhöfen. Der Kölner Kardinal Frings hat gemeint, das sei angesichts der Not keine wirkliche Sünde.«
»Wo hast du das nur wieder her?«, fragte ihre Mutter Elisabeth.
»Ich versuche, immer wieder eine der raren Zeitungen zu erbeuten. Die Woche zum Beispiel, ein Nachrichten-Magazin, ist scharfzüngig geschrieben und sehr interessant.«
Emilie meinte: »Wenn du eine ergattern kannst, bring sie bitte mit!«
Dora nickte und fuhr fort: »Richtig einheizen dürfen wir allerdings nicht. Erstens sind auch unsere Vorräte begrenzt und wir wissen nicht, wie lange der Winter dauern wird. Es wird spekuliert, er könnte der kälteste Winter des Jahrhunderts werden. Zweitens könnte das die Tommys, die nebenan Urgroßvaters Villa beschlagnahmt haben, zu einer Suchaktion nach unseren Holzvorräten veranlassen! Das ist schließlich der zweite saukalte Winter nach Kriegsende, der uns allen zusätzlich zum Hunger zu schaffen macht.«
»Kind, was für eine Ausdrucksweise!«, Elisabeth drohte ihrer Tochter halb im Spaß, halb im Ernst mit dem Finger.
Dora lächelte spitzbübisch in die Runde. »Ich hoffe, ihr könnt mir noch einmal verzeihen. Die Hannoversche Presse hat es vor einiger Zeit vornehmer ausgedrückt, nämlich, dass die hannoversche Bevölkerung kalorisch unterernährt sei und Eiweiß und Fett fehlen. Aber, apropos Fett und saukalt: ich hätte einen riesigen Appetit auf ein nettes Stück Mettwurst! Wäre mal eine echte Alternative zu Steckrüben!«
Das rief zustimmendes Nicken aller hervor; bei dem Gedanken konnte einem schon das Wasser im Munde zusammenlaufen. Denn es gab nicht mehr genügend Kartoffeln, da diese auf den Transporten größtenteils verfroren und teilweise durch Steckrüben ersetzt wurden.
Emilie wollte das Thema wechseln. »Wir haben nicht nur Glück mit dem Ofen, sondern auch, dass wir überhaupt noch leben und ein Dach über dem Kopf haben. Ich habe das schöne Haus in der Königstraße, dass mein Schwiegervater, der Architekt Maximilian von Elßtorff erbaut hatte, ja bereits bei dem schrecklichen Bombenangriff im Oktober 1943 verloren. Innerhalb einer Stunde war fast die ganze Innenstadt zerstört: Markthalle, Café Kröpcke, Oper, Altes Rathaus, Marktkirche, Polizeipräsidium, Hauptbahnhof, Leineschloss, die Schlütersche Verlagsgesellschaft, das Innere des Kunstvereins. Was war ich froh, dass ich hier bei euch Aufnahme fand!«
»Von den entsetzlich vielen Todesopfern gar nicht zu reden«, betonte Elsa. »Wir sind so dankbar, Emilie, dass dir nichts passiert ist und du seitdem hier bei uns auf dem Lindener Berg lebst. Seitdem wir ausgeengländert sind und im Flügel de las Damas leben, ist es, wie fast vor einem halben Jahrhundert, wieder ein reiner Frauenhaushalt! Lasst uns auf unsere Mutter Ernestine anstoßen!«
»Ich musste auch gerade an sie und ebenfalls an Sophie von Elßtorff denken«, fügte Emilie hinzu. »Sie war unserer Mutter Ernestine eine gute Freundin, dir eine gute Ziehmutter und mir eine gute Schwiegermutter.«
Die Damen gedachten an Ernestine und Sophie mit einem Schluck Pfefferminztee, der immerhin mit einem Hauch Rum versehen war. »Der Weihnachtsschmuck von Glasbläsern aus Thüringen stammt noch von Ernestine«, sinnierte Elsa, »damit kannst du dieses Jahr wieder ein Bäumchen schmücken, Dora!«
Elsa war trotz allem Schrecklichen, das in den vergangenen Jahren geschehen war, für vieles dankbar. Nicht nur, dass sie noch lebte und viele ihrer Liebsten ebenfalls. Sondern auch, dass sie noch ein Dach über dem Kopf hatten. Mit dem großen Salon, den Elsa vor einem halben Jahrhundert – ihrer Zeit weit voraus – großzügig und praktisch als eine Art Vielzweckraum geplant hatte, wussten die Tommys ebenso wenig anzufangen, wie mit den übrigen Räumen des Anbaus. So hatten sie ›nur‹ die Villa für die englischen Besatzer räumen müssen. Das Gebäude der Jacobschen Holzwerkstätten stand ebenfalls noch.
Um diese dankbare Einstellung hatte sie allerdings innerlich gerungen. Denn zu viel Leid und Böses war in den Jahren seit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten geschehen. Ohne das hätten wir gut sein können, dachte sie nicht zum ersten Mal. Es lief ihr trotz der Wärme kalt den Rücken runter, als sie plötzlich an Juan Alvarez dachte. Unwillkürlich verzerrte sich ihr Gesicht vor Hass. Wie so oft wiederholte sie ihren inneren Schwur: Sollte das Schicksal mich jemals wieder mit diesem Unmenschen zusammenführen, der den Tod von Emilies Enkeltochter Flora verschuldet hatte, würde das seinen sicheren Tod bedeuten! Auge um Auge! Und wenn es das Letzte wäre, was ich in diesem Leben tue!
Ihre Enkelin riss sie aus den Gedanken. »Großmama, was hast du? Du siehst plötzlich so blass aus, du wirst doch hoffentlich keine der bösen Erkältungen bekommen, die momentan so viele Menschen erwischt hat?«
Elsa beherrschte sich mühsam und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. Ihre heißgeliebte und vielseitig begabte Enkeltochter Dora, die bald nach Kriegsende darauf bestanden hatte, eine Tischlerlehre zu beginnen, wollte sie nicht mit Rachegefühlen und Mordgelüsten bezüglich dieses Schurken belasten. »Es ist nur mal wieder der Schmerz im linken Knie, der mich attackiert«, log sie daher ohne schlechtes Gewissen.
Im Salon des Flügels de las Damas hingen nicht nur die konservativen Bilder, von denen etliche bereits ihr Großvater Wilhelm Jacob im Kunstverein erstanden hatte, sondern auch wieder Einige, die noch vor nicht allzu langer Zeit als ›entartete Kunst‹ gegolten hatten.
»Wie schön, dass wir diese Bilder nun wieder gehängt haben und uns an ihnen erfreuen können«, sagte Elsa mit einem ebenso tiefen wie zufriedenen Seufzer. Sie hoffte damit erfolgreich vom Thema ›Knie‹ abzulenken. Das Thema elegant zu wechseln war eine Kunst, die ihre langjährige Ziehmutter Sophie von Elßtorff perfekt beherrscht hatte.
»Durch die freundschaftliche Verbindung zu Johanna Seligmann und Siegmund Seligmann, dem Direktor der Continentalen Gummiwerke, kam ich 1917 auch zur kurz davor gegründeten Kestner-Gesellschaft. Die wurde außerdem vom Keksfabrikanten Hermann Bahlsen, dem Zeitungs-Verleger August Madsack und von Fritz Beindorff von den Pelikan-Werken unterstützt, die ebenfalls Gründungsmitglieder waren. So erwarb ich unter anderem Klee, Kandinsky, Marc und Macke.«
»Großmama, ich staune immer, wen du alles kennst«, bemerkte Dora. »Nicht zuletzt auch durch deine Mitgliedschaft beim Deutschen Damen Automobil-Club.«
»Ja«, bestätigte Emilie, »meine Schwester kennt in Hannover Gott und die Welt. Und sie fuhr als eine der ersten Damen bereits 1898 mit dem Automobil durch Hannover, übrigens mit einem ziemlich flotten Fahrstil!«
»Den scheint sie meiner Mutter ebenfalls vererbt zu haben«, bemerkte Dora grinsend. »Es gibt ein wunderbares Foto von Mama, wie sie in einem Hanomag-Kommissbrot posiert.«
»Zum Glück ist sie nicht Rennen gefahren wie ihre Freundin Liliane Roehrs, was letztendlich wohl nur durch deine Ankunft 1927 verhindert wurde, Dora!«
Elisabeth runzelte die Stirn, wollte etwas sagen, aber ihre Mutter kam ihr zuvor.
»Wie gut, dass ich etliches an Getränken gut getarnt im Keller gelagert habe«, Elsa wollte mal wieder das Thema wechseln, lächelte spitzbübisch und goss noch einige Tropfen Rum in die Teekanne. »Das kommt uns jetzt zum innerlichen Aufwärmen und nicht zuletzt auch für die Kungelei auf dem Lande und auf dem Schwarzmarkt zugute!«
»Von meinem schwarzgebrannten Obstschnäpsen gar nicht zu reden!«, fügte Emilie stolz hinzu.
»Zum Kungeln und Tauschen dienten ebenso einige konservative Gemälde von hannoverschen Malern. Die zweifellos von guter Qualität sind, aber von denen ich mich ohne große Probleme trennen konnte«, erklärte Elsa. »Und die praktischerweise bei Bauern auf dem Lande gut ankamen. Die mochten zum Beispiel besonders Landschaftsgemälde aus der Malerdynastie Koken, sowohl von Edmund als auch von seinem Neffen Gustav.«
Ihr ging durch den Kopf, dass die Niedersächsische Tageszeitung, das lokale Kampfblatt der Nationalsozialisten, die Kunst dieser beiden Maler herzerfrischend genannt hatte. Sei es wie es sei, dachte sie grimmig, das waren und sind besonders gute Tauschobjekte. Die füllen unsere Vorratsschränke mit Mettwurst, Schinken, Schmalz und weiteren Kostbarkeiten auf.
»Die waren ja als akademische Maler und als Förderer über Jahrzehnte mit der lokalen Kunstszene eng verbunden gewesen«, ergänzte Emilie. »Und Friedrich Hans Koken, ein Enkel Edmunds, gefiel den Nazis. Die meinten, dass er, nach einer rassisch gefährdeten und kulturlosen Phase, nun handwerkliches Können und guten Geschmack unbeirrt von Phrasen und Modelaunen wiederaufleben lasse.«
»Dieser Koken war Schriftführer und schrieb 1933, dass sich die deutschen Künstler dankbar und bedingungslos hinter den Volkskanzler Adolf Hitler stellen.« Elsa schüttelte sich. »Hitler habe mit harter Hand die bereits dem Untergang geweihte Kunst der Wiedergesundung und Pflege zugeführt.«
»Allein die Sprache der Nazis ließ und lässt mich schaudern«, konstatierte Elisabeth.
Elsa erklärte: »Die älteren Koken Gemälde stammen aus der Verbundenheit mit dem Kunstverein, in dem bereits mein Großvater Wilhelm Jacob Mitglied war. Ihn habe ich dort – damals noch nichts ahnend von der verwandtschaftlichen Beziehung –1890 als junges Mädchen zum ersten Mal getroffen.« Nachdenklich blickte sie auf ein Koken Gemälde, welches sie aus Pietät behalten hatte und fuhr fort: »Allerdings gab es manchmal von den folgenden Generationen einige lästerliche Anmerkungen über die Eingriffe auf die Auswahl von Künstlern durch Stadtdirektor Tramm. Aber die Veranstaltungen des Kunstvereins, der Austausch mit vielen Kunstinteressierten und Gleichgesinnten, waren doch immer wieder anregend und bereichernd. Meine liebe, viel zu früh verstorbene Roberta Stein und ihre Tochter Vicky entwickelten sich nach und nach zu kenntnisreichen Kunstsammlerinnen. Und es freut mich besonders, dass du, Elisabeth und inzwischen auch du Dora, ebenfalls mit Begeisterung dabei seid.«
»Und ich höre gerne zu, wenn ihr von früher erzählt. Vieles habe ich ja nicht mitbekommen«, versicherte Dora.
»Entweder weil du noch gar nicht auf der Welt warst oder weil es besser war, über vieles nicht zu sprechen. Dein früh verstorbener Vater hatte sich ja zu einem fanatischen SA-Mann entwickelt«, Elisabeth stockte einen Moment. »Doch auch nach seinem Tod konnten wir einiges nicht vor dir besprechen, zu groß war die Gefahr, dass du es in Nazikreisen erwähnt hättest und wir in Schwierigkeiten geraten wären. Das ist zum Glück vorbei!«
»Aber, wir erzählten vom Kunstverein. Die Ankauf- und Ausstellungspolitik des Kunstvereins wurde über Jahrzehnte von Stadtdirektor Heinrich Tramm enorm beeinflusst, er war 1884 dort eingetreten und gehörte bis zu seinem Tod 1932 dem Vorstand an«, erklärte Emilie an Dora gewandt. Sie wusste, dass Elsa manchmal bei ihrer Enkelin Kenntnisse aus der Vergangenheit voraussetzte, die diese gar nicht haben konnte.
Elsa nickte: »Und dessen Kunstgeschmack erstreckte sich auf das späte 19. Jahrhundert und den ausgehenden Impressionismus, was sich auch in seiner umfangreichen privaten Kunstsammlung zeigte. Mit Paula Modersohn-Becker und Slevogt endete seine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. Folglich öffnete er nach Liebermann und Corinth keinem mehr die Tür zum Kunstbudget des Vereins. Daran konnte auch seine zweite Frau, die ehemalige Opernsängerin Olga Polna, die eng mit meiner Freundin Roberta Stein befreundet war, nichts ändern!«
Alle schwiegen einen Moment. Elsa sah ihrer Enkelin an, dass es einiger weiterer Erklärungen bedurfte. »Sowohl Roberta als auch Olga waren jüdischer Abstammung. Beide starben 1936. Olga hatte sich nach dem Tod ihres Mannes 1932 völlig zurückgezogen. Beide waren Mitglieder im Kunstverein gewesen. Beide hatten erlebt, dass sie dort geschnitten wurden. Und Roberta hatte es besonders gewurmt, dass die feinen Damen der Stadt ihrem berühmten monatlichen Jour fixe bereits 1933 unter kaum verblümten Vorwänden fernblieben.«
»Das bedeutet, mit Juden pflegten viele schon kurz nach der Machtergreifung keinen gesellschaftlichen Kontakt mehr?«, vergewisserte sich Dora.
Elsa nickte. »Etliche haben sich so verhalten. Wir haben da ziemliche Schlangentänze aufgeführt, wir waren ja teilweise jüdisch versippt, wie es damals hieß. Das alles haben wir vor dir so gut es ging verborgen, vor allem, solange dein Vater Herbert noch unter uns weilte. Es war einfach zu gefährlich, sich zu verplappern, umso mehr auch später, als du mit zehn Jahren in die Küken Gruppe der Jungmädel musstest. Aufpassen mussten wir auch, weil einige von unseren Nachbarn, stramme Nationalsozialisten waren und einige ebenso wie mein Schwiegersohn in der SA.«
Ihre Zwillingsschwester Emilie und sie blickten sich an – wie oft hatten sie damals kopfschüttelnd hinter vorgehaltener Hand über die gewalttätigen Auftritte der SA gesprochen. Ein Nachbar, von Elisabeth als braun durch und durch bezeichnet, hatte die Familie stets belauert.
»Ich erinnere mich an einen Mann«, sagte Dora, »der war wohl Blockwart oder so was, lief auch immer in brauner Montur rum, der hat mich angeschnauzt, als ich mit ›Guten Tag‹, grüßte. Und insistierte, bis ich mit ausgestrecktem rechtem Arm ›Heil Hitler‹ gerufen hatte.«
»Ja, so waren viele Nazis,« bestätigte Elisabeth. »Mit dem Kunstverein hatten die wenigsten etwas am Hut.«
Elsa erklärte Dora: »Laut der ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 konnten Juden keine Mitglieder des Vereins sein. Zwar gelang es dem Kunstverein, eine entsprechende Satzungsänderung nach mehrfachen Mahnungen bis zum Januar 1939 hinauszuzögern, er passte sich aber ansonsten scheinbar an. Einige langjährige Mitglieder jedoch, wie der Kaufhausbesitzer Louis Sternheim oder Dr. Edgar Seligmann erschienen nicht mehr zu Ausstellungen und standen nicht mehr im Mitgliederverzeichnis.«
Emilie nickte. »Das Schicksal von Edgar, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch bei der Reichskristallnacht im November 1938 und dann im KZ Buchenwald durch Misshandlungen schwer angeschlagen war, hat mich besonders mitgenommen. Man hat ihn regelrecht beraubt mit der sogenannten Sühneabgabe und einer Reichsfluchtsteuer für die Ausreise in die Schweiz. Es sollen insgesamt um 800.000 RM gewesen sein.«
Dora reagierte sofort: »An die Zerstörung von Geschäften kann ich mich erinnern und dass die Synagoge ausgebrannt ist. Aber was bedeutet Sühneabgabe?«
»Das war perfide reine Willkür!«, rief Elsa. »Hermann Göring verlangte nach Herschel Grynszpans Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath und den Ausschreitungen im November 1938 eine Kontributionszahlung von einer Milliarde Reichsmark als Sühne für die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk. Also eine völlige Verdrehung der Tatsachen, denn schließlich war jüdisches Eigentum zerstört worden. Es ging letztendlich darum, die Juden systematisch zu enteignen.«
Bedrückt sahen sich alle an.
Elsa fuhr fort. »Als Edgar Seligmann 1939 an den Folgen des KZ-Aufenthaltes starb, waren wir alle sehr betroffen. Schließlich war schon unser Großvater Wilhelm Jacob mit Siegmund Seligmann, der als Direktor die Continentale Caoutchouc AG mit groß gemacht hat, freundschaftlich verbunden. Und auch zu seiner Frau Johanna bestand ein Freundschaftsband mit unserer Familie. Edgar war ja nur ungefähr 14 Jahre jünger als wir, so haben wir seinen Werdegang natürlich verfolgt. Bis hin zu seiner Verdrängung aus dem Aufsichtsrat der Conti. Auch wenn ich unsere Familienmitglieder im fernen La Palma äußerst schmerzlich vermisse, so bin ich doch froh, dass sie alle noch am Leben sind.«
Sie sah den fragenden Blick von Dora. »Das ist ein Thema für sich, da reden wir ein anderes Mal drüber.«
»Lasst uns zurückkehren zum Kunstverein, was weniger belastend und schmerzlich für uns alle ist«, schlug Elsa vor und setzte ihre Worte gleich in die Tat um:
»Die Maler Seiffert-Wattenberg, Dörries und Koken, Repräsentanten bürgerlicher Tradition im Kunstverein, gehörten zwar seit Mai 1933 der NSDAP an, blieben aber im Vorstand, trotz mehrfacher Anläufe der Nationalsozialisten, sie zu entfernen.«
»Meiner Meinung nach hat sich der Kunstverein so durchlaviert«, sagte Emilie, »hatte aber auch kräftig Mitglieder verloren. Zu Kriegsbeginn waren wir gerade noch um die 2.000, hatten ungefähr 10.000 Mitglieder eingebüßt.«
…
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